Die bisherigen täglichen Videos vom 20. März bis 30. April 2020

Seit Freitag, 20.3. könnt ihr täglich ein Video sehen, damit wir in Verbindung bleiben:

Am 21. März, Welttag der Poesie, kam dieses dazu:

Am Sonntag, 22.3. dieses kurze, aufgenommen im kalten Ostwind:

Am Montag, 23.3. mit Pudel Katta

Am Dienstag, 24.3. grün eingefärbt

Am Mittwoch, 25.3.

Donnerstag,26.3.

Freitag, 27.3.

Samstag, 28.3.

Das Sonntagsvideo, 29.3.

Montagsvideo, 30.3.2020

Dienstag 31.3.

Mittwoch, 1. April

Donnerstag, 2. April

Freitag, 3. April

Leise wird im Hintergrund gesungen: „Vom Wasser haben wirs gelernt…das hat nicht Ruh bei Tag und Nacht, ist stets auf Wanderschaft bedacht…“
Und drei Fragen werden beantwortet:
1. Wie viele Flusskilometer sind es von Donaueschingen bis zum Schwarzen Meer?
2. Welche zehn Länder durchfließt die Donau?
3. Wie lange ist das Wasser dabei unterwegs?
Mit Psalm 138 beginnts: „Wenn ich dich anrufe, so erhörst du mich und gibst meiner Seele große Kraft… Wenn ich mitten in der Angst wandle, errettest du mein Leben“
Samstag, 4.4.

Die Festungsmauer der Caponniere in Neu-Ulm erinnert mich mit ihren Backsteinen an die Basilica San Ambrogio in Mailand. Ich erzähle von Ambrosius, dem bedeutenden Kirchenlehrer, der am 4. April 397 n.Chr. gestorben ist und den wunderbaren Text DEUS CREATOR OMNIUM geschrieben hat: „Du Schöpfer aller Wesen, du Lenker aller Zeit, die Woche, die gewesen, kehrt heim zur Ewigkeit…Wenn es jetzt um uns dunkelt, sei selber unser Licht, und wenn das Grauen funkelt, lass uns verirren nicht“.
Sonntag, 5.4.

„Und die Treue, sie ist doch kein leerer Wahn!“.
Gerne wäre ich am Palmsonntag mit einer Gruppe, vor allem aus Dinkelscherben, nach Sizilien geflogen. Es hat nicht sollen sein. In Syrakus, Sizilien, spielt Schillers Ballade „Die Bürgschaft“, wo es um Leben und Tod geht. Ich fasse das Gedicht zusammen, bitte aber, es ist ja Sonntag, dafür um eine Minute mehr als sonst.
Im Hintergrund, sybolisch für die gegenwärtigen Ungewissheiten, die „Renftle-Ruine“ in Neu-Ulm. Wir hoffen.
Helft einander, gesund zu bleiben. Euer Ernst

Montag. 6.4.

Dietrich Bonhoeffer, im Widerstand gegen Hitler, kam am 5. April 1943 in Berlin ins Gefängnis. Am 9. April 1945 wurde er in Flossenbürg hingerichtet. Wir hören in der Karwoche aus seinen Schriften: Heute vier Verse des berühmten „Von guten Mächten wunderbar geborgen…“

Dienstag, 7.4.
„Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen!“ Nach den drei Anfangsstrophen gestern aus Bonhoeffers „Guten Mächten“ , heute die drei weiteren Verse, wieder mit dem gesungenen Refrain. Im Wäldchen am Neu-Ulmer Donauufer ist dabei immer wieder das Schlagen des Spechts zu hören.
Alles geht vorüber, auch die schlimme Corona-Krise. Noch nicht entschieden ist, wie sie jede einzelne, jeden einzelnen von uns trifft. Bleiben wir solidarisch und tragens gemeinsam. Eine gute Karwoche! Euer Ernst

8.4.
Die „Guten Mächte“ kommen auch in einem Brief Bonhoeffers aus dem Gefängnis vor, den er an seine Verlobte Maria und an die Familie richtet.
Dieser Mittwoch ist wieder ein Tag des Leidens, der Ungewissheit („Wie lange noch?“) und der Angst. Bestimmt hat er auch helle und frohe Augenblicke, auf jeden Fall Sonnenstunden. So Gott will, werden wir uns auch wieder sehen können.

9.4.

Gruß zum Gründonnerstag mit Bonhoeffers Credo:
Auch aus dem Bösesten kann Gutes entstehen.
Wir bekommen die Widerstandskraft, die wir brauchen.
Fehler und Irrtümer müssen nicht vergeblich sein.
Gott wartet auf verantwortliche Taten.
Mit zwei s/w-Fotos Dietrich Bonhoeffers, der heute vor 75 Jahren, am 9. April 1945 in Flossenbürg hingerichtet wurde

10.4.

Am Kreuz im Neu-Ulmer Friedhof mit den „Leidenswerkzeugen Christi“ nenn ich euch die „Sieben Worte Jesu am Kreuz“, die an die Kriegsknechte, an den Mitgekreuzigten, an die Mutter, an den Jünger Johannes gerichtet oder als Gebet formuliert sind. Mich tröstet am meisten das „Es ist vollbracht“:
Es ist vollbracht! Er ist verschieden,
mein Jesus schließt die Augen zu.
Der Friedefürst entschläft im Frieden.
Die Lebenssonne geht zur Ruh
und sinkt in stille Todesnacht.
O großes Wort: Es ist vollbracht.
Salomo Franck 1711
(Melodie: wer weiß, wie nahe mir mein Ende)

Karsamstag, 11.4.

Bonhoeffers „Wer bin ich?“ macht heute Mut, auszusprechen, was wir ersehnen. Mit kräftigen Worten und Bildern schreit der Eingesperrte seine Wünsche hinaus. Das Gedicht wendet sich zum Gebet: „Wer ich auch bin, du kennst mich, dein bin ich, o Gott“
Unterlegt mit Frühlingsbildern aus Neu-Ulm und Umgebung.

Ostersonntag, 12.4.

Wie immer am Sonntag etwas länger als einsfünfzig, denn es geht durchs Sterben zum Leben: Ein Meisterwerk Caravaggios aus den Vatikanischen Museen zeigt die Grablegung mit Hoffnungssymbolen. Matthias Grünewald stellt die Auferstehung als Lichtwunder, als Urknall des Lebens dar. Die Gestalt des segnenden Christus finden wir wieder in der Thomaskirche Thalfingen. Auch in Corona-Zeiten gilt das Wort Christi: Ich lebe und ihr sollt auch leben.

Ostermontag, 13.4.

Das Video beginnt mit vier Sekunden Todesstille und Grabesdunkel.
Weltweit gab es gestern am Ostersonntag um 12 ein großes Osterläuten. Dabei beweg ich mich mit Goethes Osterspaziergang aus Faust I vom Ulmer Münster zur Ulmer Wengenkirche. Nicht nur aus zeitlichen Gründen bringe ich nur den ersten Teil des berühmten Gedichts. Denn der zweite Teil erzählt davon, dass die Menschen fröhlich zusammenkommen. Wir können uns heute erinnern an unbeschwerte gemeinsame Ostertage. Wann und wo haben wir uns miteinander gefreut? Wie und wo habe ich das „Zufrieden jauchzet groß und klein: Hier bin ich Mensch, hier darf ichs sein“ erlebt?

Di, 14.4.

Nach dem gestrigen Osterspaziergang aus Goethes Faust heute der Gang nach Emmaus (Lukas 24). Mit Gemälden des Schweizers Robert Zünd und des berühmten Hell-Dunkel-Malers Caravaggio. Schließlich die Bitte: „Bleibe bei uns, wenn es dunkel wird…“
15.4.

„Der HERR, dein Gott, ist bei dir gewesen. An nichts hast du Mangel gehabt“: Mit der heutigen Herrnhuter Losung verbinde ich die Erinnerung an +Wolfgang Hagenmaier, den früheren Pfarrer von Nellingen und Oppingen. Dann reiten wir im April 1770, also vor 250 Jahren, mit Goethe von Straßburg nach Sessenheim im Elsaß zur dortigen Pfarrerstochter Friederike Brion. Ihr widmet er das Gedicht „Willkommen und Abschied“.
Die letzte Strophe folgt im morgigen Video.

Do, 16.4.

Goethe berichtet in „Dichtung und Wahrheit“ von seiner ersten Begegnung mit Friederike Brion: „In diesem Augenblick trat sie wirklich in die Türe; und da ging fürwahr an diesem ländlichen Himmel ein allerliebster Stern auf…Schlank und leicht, als wenn sie nichts an sich zu tragen hätte, schritt sie, und beinahe schien für die gewaltigen blonden Zöpfe des niedlichen Köpfchens der Hals zu zart. Aus heiteren blauen Augen blickte sie sehr deutlich umher, und das artige Stumpfnäschen forschte so frei in die Luft, als wenn es in der Welt keine Sorge geben könnte; der Strohhut hing am Arm, und so hatte ich das Vergnügen, sie beim ersten Blick auf einmal in ihrer ganzen Anmut und Lieblichkeit zu sehn und zu erkennen.“
Goethe pflegte die Freundschaft von März 1770 bis August 1771. Die schönsten Gedichte sind dabei entstanden. Morgen noch ein sehr bekanntes aus der „Sturm- und Drang-Zeit“.
Friederike blieb bis an ihr Lebensende unverheiratet und wohnte bis zum Tod ihres Vaters 1787 in ihrem Elternhaus in Sessenheim im Elsaß; die Mutter war ein Jahr zuvor gestorben. Danach zog Friederike mit ihrer jüngeren Schwester Sofie zu ihrem Bruder Christian auf die Pfarrei Rothau im Steintal.
1801 siedelte Friederike zur Unterstützung der kränklichen Schwester Salome (von Goethe Olivia genannt) ins Pfarrhaus nach Diersburg über. Sie folgte der Familie 1805 auch ins badische Meißenheim. 1807 starb Salome. Friederike blieb bei ihrem Schwager. Sie starb am 3. April 1813 und wurde in Meißenheim bestattet. Die Inschrift lautet: „Ein Stral der Dichterson̄e fiel auf sie, so reich, daß er Unsterblichkeit ihr lieh!“
Fr. 17.4.

Zu Goethes Sessenheimer Liebe zu Friederike Brion gehört auch das berühmte „Sah ein Knab ein Röslein stehn…“ Wie so oft hat er Liebesleid und Liebesfreud in ein Gedicht geformt. Ein Jahr lang könnte man jeden Morgen davon erzählen. Lange hat er sich nicht fest gebunden. Das Volkslied nimmt die Melodie Schuberts auf, der das Heideröslein kunstvoll vertont hat. Hier gesungen von Peter Schreier:

–Piano: Rudolf Buchbinder –Place:Schönbrunn Palace (Vienna). Morgen kommt sozusagen Goethes Gegengedicht: „Gefunden: Ich ging im Walde so für mich hin…“ Da wird die Blume ausgegraben und ins Gärtchen gesetzt. Wer damit wohl gemeint ist?

18.4.

Im Juli 1788, kurz nach seiner Rückkehr von der eineinhalbjährigen Reise nach Italien, hat Goethe Christiane Vulpius kennen- und lieben gelernt. 1806 haben die beiden geheiratet. Sohn August war dann schon 26 Jahre alt. 25 Jahre nach der Erstbegegnung die wunderbare Liebeserklärung im Gedicht „Gefunden“. Das Blümlein im Wald wird nicht „zum Welken gebrochen“, sondern umgepflanzt in den „Garten am hübschen Haus“.

So, 19.4.

Das Goethe-Gedicht: „Willst du dir ein gut Leben zimmern, soll das Vergangene dich nicht bekümmern…“ ist eine Predigt zum Weißen Sonntag, auch genannt Quasimodogeniti („wie die neugeborenen Kindlein“): Jeder Tag will etwas von uns, wir sollen uns am eigenen Dasein erfreuen und das Tun der anderen schätzen. Vor allem keinen Menschen hassen und das Übrige Gott überlassen.
Das Portrait Goethes, gemalt von Josef Stiehler, stammt wie das Gedicht vom Jahr 1828.
Ich verbinde den Sonntagsgruß vom Donauufer mit dem Flehen um Regen, Regen, Regen…

…danke, danke, eben (Samstag, 16 Uhr) ging ein kräftiger Schauer auf Neu-Ulm nieder

Mo, 20.4.

1816 war ein Hungerjahr, weil die Asche aus dem Vulkan Tambora in Indonesien die Atmosphäre in Nordamerika und Europa so verdüstert hat, dass es kalt blieb und nichts gewachsen ist. Viele sind damals verhungert. Doch das Leben ging weiter. 1817 gab es wieder eine Ernte.
Noch heute wird in der Kirche in Blaubeuren-Asch die erste Getreidegarbe von damals gezeigt. Ich will euch Mut machen für das Ausharrenmüssen in diesen Tagen und Wochen.
Im Sommer 1816 ist Goethes Frau Christiane gestorben. Die Grabinschrift nennt auch das vergebliche Bemühen der Sonne, durch die düstren Wolken zu scheinen. Jetzt weinen zu können, nennt er Gewinn.

21.4.

In dieser Woche illustriere ich meine Lieblingsgedichte und -psalmen, die Mut und Freude machen. Bei Mascha Kaleko habe ich in der ersten Strophe eine kleine Variation reingebracht, weil ich die Stechmücken nicht mag. Hier das Original. Große Freude macht, es auswendig zu lernen: Sozusagen grundlos vergnügt
Ich freu mich, daß am Himmel Wolken ziehen
Und daß es regnet, hagelt, friert und schneit.
Ich freu mich auch zur grünen Jahreszeit,
Wenn Heckenrosen und Holunder blühen. –
Daß Amseln flöten und daß Immen summen,
Daß Mücken stechen und daß Brummer brummen.
Daß rote Luftballons ins Blaue steigen.
Daß Spatzen schwatzen. Und daß Fische schweigen.

Ich freu mich, daß der Mond am Himmel steht
Und daß die Sonne täglich neu aufgeht.
Daß Herbst dem Sommer folgt und Lenz dem Winter,
Gefällt mir wohl. Da steckt ein Sinn dahinter,
Wenn auch die Neunmalklugen ihn nicht sehn.
Man kann nicht alles mit dem Kopf verstehn!
Ich freue mich. Das ist des Lebens Sinn.
Ich freue mich vor allem, daß ich bin.

In mir ist alles aufgeräumt und heiter:
Die Diele blitzt. Das Feuer ist geschürt.
An solchem Tag erklettert man die Leiter,
Die von der Erde in den Himmel führt.
Da kann der Mensch, wie es ihm vorgeschrieben, –
Weil er sich selber liebt – den Nächsten lieben.
Ich freue mich, daß ich mich an das Schöne
Und an das Wunder niemals ganz gewöhne.
Daß alles so erstaunlich bleibt, und neu!
Ich freu mich, daß ich . . . Daß ich mich freu.
Aus: Mascha Kaléko: In meinen Träumen

22.4.

In einem Sonett (zwei Vierzeiler, zwei Dreizeiler) beschreibt Rainer Maria Rilke den, der „zum Rühmen bestellt“ ist:
Auch angesichts des Todes findet er Worte, die erfreulich und tröstlich sind wie Schalen mit herrlichen Früchten.
Er verzweifelt nicht, die Stimme versagt ihm nicht, wo andere keine Worte finden.
Er selbst kennt das Leiden: Wie die Trauben in der Kelter wird er gepresst. Er fühlt sich wie Erz im Hochofen, das aus dem Gestein herausgeschmolzen wird.
Er ist ein bleibender Bote dafür, dass alles zu etwas gut ist. Alles Leiden wird ein Ende finden.

23.4.

Einsfünfzig Mut mit einem Psalm von Hanns Dieter Hüsch,
dem Kabarettisten aus Moers am Niederrhein (1925 – 2005),
hier wunderschön vertont:

Der Text zum Auswendiglernen.

24.4.

Der Zugang zum Blautopf war heute abgesperrt. Das Video konnte ich nur in größerer Entfernung von diesem Blaubeurer Naturereignis aufnehmen. So habe ich frühere Fotos und ein Gemälde dazugeschnitten.
Psalm 126 ist ein Hoffnungstext und Mutmacher: Jede Gefangenschaft geht zu Ende. Das Gottvertrauen hilft auszuhalten.
1 Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden.
2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Heiden: Der Herr hat Großes an ihnen getan!
3 Der Herr hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich.
4 Herr, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Mittagslande.
5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.
6 Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.

Sa, 25.4.

„Geh aus mein Herz und suche Freud“ von Paul Gerhardt hat 15 Strophen und gehört zu meinen Lieblingsgedichten, herrlich vertont von August Harder. An der wunderbaren Linde bei Blaubeuren-Sonderbuch bringe ich vier Verse mit dem Wunsch, „dass ich dir werd ein guter Baum und lass mich Wurzel treiben“.
Ja, Wurzeln brauchen wir in dieser Zeit. Die weiteren Strophen des Sommerliedes kommen im Sommer. Heute Strophen 8 und 13 bis 15:

8) Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,

13) Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleußt,
dass ich dir stetig blühe;
gib, daß der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,

14) Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, daß zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,

15) Erwähle mich zum Paradeis
und lass mich bis zur letzten Reis
an Leib und Seele grünen,
so will ich dir und deiner Ehr
allein und sonsten keinem mehr
hier und dort ewig dienen,
hier und dort ewig dienen.

Danke, liebe Elisabeth Unseld, für die herrlichen Fotos

26.4.

Sehr realistisch beschreibt der 90. Psalm menschliches Leben: „Unser Leben währet siebzig Jahre und wenns hoch kommt, so sinds achtzig Jahre und wenns köstlich gewesen ist, so ists Mühe und Arbeit gewesen, denn es fähret schnell dahin, als flögen wir davon“.
Aus tiefem Herzen kommt diese Bitte am Schluss: „Erfreue uns wieder mit deiner Hilfe, nachdem du uns so lange plagest, nachdem wir so lange Unglück leiden“.
Mit Glockengeläut und mit Bildern vom Berg Nebo auf das Tote Meer und von Michelangelos Mose in Rom.
Einen guten Sonntag! Euer Ernst

27.4.

Vom heimischen Arbeitszimmer aus führe ich euch auf den Berg Nebo in Jordanien. Er überragt kaum die anderen Gipfel im Moabiterland, bekommt aber Größe durch die Erzählungen über Moses. Von ihm heißt es am Ende seines Lebens, dass seine Augen nicht schwach und seine Kraft nicht von ihm gewichen war. Das hat Michelangelo in bewundernswerter Weise im Marmor verewigen können. Mein Wunsch heute: Kraft für den Tag und was Schönes zu sehen! Euer Ernst

28.4.

Heute und in den nächsten 6 Tagen möchte ich euch Mut machen mit Gottfried Kellers Gedichten.
Die Politik und vor allem die Dichtkunst waren die Bereiche, in denen es der am 19. Juli 1819 in Zürich geborene Gottfried Keller zu Weltruhm brachte. Der Sohn eines Tischlermeisters wechselte nach der Grundschule mit 12 auf eine gehobene Schule, deren künstlerische Ausrichtung dem begeisterten Maler und Dichter sehr entgegenkam. Drei Jahre später musste Keller die Anstalt aufgrund rebellischen Verhaltens verlassen und entschied sich für den Beruf des Landschaftsmalers. Das Ziel kam in greifbare Nähe, als er dank einer Erbschaft 1840 nach München an die Königlichen Akademie der Künste gehen konnte. Eine schwere Krankheit, das teure Münchner Pflaster und der ausbleibende Erfolg zwangen aber nach zwei Jahren zur Heimkehr. Dort legte er den Grundstein für seine literarische Karriere, indem er seine Kindheit und das Scheitern als Maler aufarbeitete. Es entstanden »Lieder eines Autodidakten« (1845) und »Gedanken eines lebendig Begrabenen« (1846). 1850 ging Keller nach Berlin, wo er »Der grüne Heinrich« (1853) und »Die Leute von Seldwyla« (1856) verfasste. Bekannt ist auch „Romeo und Julia auf dem Dorfe“.
Wieder in Zürich war Keller weiterhin als Dichter, aber auch als Festredner und politischer Verleger tätig. Gottfried Keller starb vier Tage vor seinem 71. Geburtstag am 15. Juli 1890 in Zürich. Hier ist er auch begraben.

Unter Sternen

Wende dich, du kleiner Stern
Erde! Wo ich lebe,
dass mein Aug, der Sonne fern,
sternenwärts sich hebe

Heilig ist die Sternenzeit,
Öffnet alle Grüfte;
Strahlende Unsterblichkeit
Wandelt durch die Lüfte

Mag die Sonne nun bislang
Andern Zonen scheinen:
Hier fühl ich Zusammenhang
Mit dem All und Einen!

Hohe Lust, im dunklen Tal,
Selber ungesehen,
Durch den majestätschen Saal
Atmend mitzugehen!

Schwinge dich, o grünes Rund
In die Morgenröte!
Scheidend rückwärts singt mein Mund
Jubelnde Gebete!
29.4.

„Trinkt ihr Augen, was die Wimper hält, von dem goldnen Überfluss der Welt“ ist für mich eine der schönsten Gedichtzeilen, reinstes Gold der Lyrik. Sie gewinnen ihre Leuchtkraft durch die vorausgehenden Zeilen, die die Vergänglichkeit bis hin zur finstren Truh beschreiben. „Welch ein zärtlicher Lobgesang auf unsere Augen!“ schreibt Ulla Hahn in ihrem Buch „Gedichte fürs Gedächtnis“ über die vier Strophen, die ich euch heute als Ermutigung bringe. Euer Ernst

30.4.

Der 29-jährige Gottfried Keller hat sich 1849 in die 24-jährige Johanna Kapp verliebt und widmet ihr Gedichte. Das bekannteste hört ihr heute:

Heidelberger Alte Brücke.

Schöne Brücke, hast mich oft getragen,
Wenn mein Herz erwartungsvoll geschlagen
Und mit Dir den Strom ich überschritt
Und mich dünkte, deine stolzen Bogen
Sind in kühnerm Schwunge mitgezogen
Und sie fühlten mein Freude mit.

Weh der Täuschung, da ich jetzo sehe,
Wenn ich schweren Leids hinübergehe,
Dass der Last kein Joch sich fühlend biegt;
Soll ich einsam in die Berge gehen
Und nach einem schwachen Stege spähen,
Der sich meinem Kummer zitternd fügt?

Aber sie, mit anderm Weh und andern Leiden
Und im Herzen andre Seligkeiten:
Trage leicht die blühende Gestalt!
Schöne Brücke, magst du ewig stehen,
Ewig aber wird es nie geschehen,
Dass ein bessres Weib hinüberwallt!