Die Videos vom August 2020

31.8.

Befiehl du deine Wege ist ein Lied von Paul Gerhardt, 1653 veröffentlicht. Die Anfangswörter der zwölf Strophen ist der Vers 5 von Psalm 37: „Befiehl – dem Herrn – dein’ – Weg – und – hoff – auf – ihn, – er – wird’s – wohl – machen (hier: mach End)“. Unter diesem Leitwort entfalten die Strophen das Gottvertrauen mit immer neuen Ermutigungen und Vergleichen.
Heute die Strophen 1-4, aufgenommen bei starkem Wind in Bad Kissingen
Befiehl du deine Wege
und was dein Herze kränkt
der allertreusten Pflege
des, der den Himmel lenkt.
Der Wolken, Luft und Winden
gibt Wege, Lauf und Bahn,
der wird auch Wege finden,
da dein Fuß gehen kann.

Dem Herren musst du trauen,
wenn dir’s soll wohlergehn;
auf sein Werk musst du schauen,
wenn dein Werk soll bestehn.
Mit Sorgen und mit Grämen
und mit selbsteigner Pein
lässt Gott sich gar nichts nehmen,
es muss erbeten sein.

Dein’ ewge Treu’ und Gnade,
o Vater, weiß und sieht,
was gut sei oder schade
dem sterblichen Geblüt;
und was du dann erlesen,
das treibst du, starker Held,
und bringst zum Stand und Wesen,
was deinem Rat gefällt.

Weg hast du allerwegen,
an Mitteln fehlt dir’s nicht;
dein Tun ist lauter Segen,
dein Gang ist lauter Licht;
dein Werk kann niemand hindern,
dein Arbeit darf nicht ruhn,
wenn du, was deinen Kindern
ersprießlich ist, willst tun.

30.8.

Eine Kerze für Hans-Jochen Vogel (* 3. Februar 1926 in Göttingen; † 26. Juli 2020 in München). Er war von 1960 bis 1972 Oberbürgermeister von München, von 1972 bis 1974 Bundesminister für Raumordnung, Bauwesen und Städtebau, danach bis 1981 Bundesminister der Justiz.
In West-Berlin war er von Januar bis Juni 1981 Regierender Bürgermeister und bis 1983 Mitglied des Abgeordnetenhauses, Kanzlerkandidat der SPD bei der Bundestagswahl 1983, von 1983 bis 1991 Vorsitzender der SPD-Bundestagsfraktion und von 1987 bis 1991 als Nachfolger Willy Brandts Parteivorsitzender der SPD.
Würdigende Worte von Alin Altuntov.

29.8.

Sissis Rosen- und Jasmin-Gedicht für Ludwig II
Elisabeth von Österreich (1837-1898)

Du sandtest mir blühende Rosen
Einst über den lieblichsten See
mit Zweigen des weißen Jasmines
gleich duftenden Nachtwinterschnee.

Doch jüngst erst band ich dir ein Sträußchen
aus duftendem weißen Jasmin
sie brachten`s wohl über das Wasser
Sie legten auf`s Herz es dir hin.

Drauf wand ich aus blühenden Rosen
den Kranz von berauschendem Duft
den trug ich voll Sorgfalt und Liebe
hinab in die dunkelnde Gruft.

Dort hab ich Abschied genommen
und drückte noch leise zum Schluss
mein unvergesslicher König
auf deinen Sarg einen Kuss.
Fr, 28.8.
Augustinus

Der 28. August ist Gedenktag des Kirchenlehrers Augustinus. Ich liebe sein Abendgebet „Wache du, Herr, mit denen, die wachen oder weinen in dieser Nacht…“ Ich spreche es am Kreuzberg in der Rhön vor dem dortigen Golgatha mit den drei Kreuzen. Sehr gefällt mir auch, wie Walter Habdank die Worte als Holzschnitt gestaltet hat.

27.8. Monika

Monika von Tagaste (* um 332 in Tagaste in Numidien; † Oktober 387 in Ostia) war die Mutter des Kirchenlehrers Augustinus. Sie liegt in der Kirche Sant’Agostino zu Rom begraben.
Monika wurde von ihren christlichen Eltern fromm erzogen. Die Erziehung ihrer Töchter hatte Monikas Mutter jedoch weitgehend einer alten Dienerin überlassen, die die Kinder mit strenger Sorgfalt erzog. Sie heiratete den heidnischen römischen Beamten Patricius, einen ebenso gutmütigen wie jähzornigen Menschen, dem sie, in der Hoffnung, ihn zum Christentum bekehren zu können, seine Untreue verzieh. Tatsächlich starb Patricius 371 als Christ. Ebenso gelang es ihr, durch sanftmütiges Ertragen und Liebe die reizbare Schwiegermutter zu beruhigen. Monika hatte zusammen mit ihrem Mann neben Augustinus noch zwei weitere Kinder, Navigius und Perpetua, geboren.
Monikas Sohn Augustinus ging um 370/71, kurz vor dem Tod ihres Ehegatten Patricius, zum Studieren nach Karthago, wo er eine Frau kennenlernte, mit der er einen Sohn zeugte, der 372 zur Welt kam und den Namen Adeodatus bekam Nach dem Studienabschluss eröffnete er zunächst eine Rhetorikschule in Tagaste, später in Karthago. Im Jahr 383 ging Augustinus nach Rom, auch wohl um Abstand zu seiner Mutter zu bekommen. Schon im Jahr darauf wurde er zum Professor für Rhetorik in Mailand ernannt.
Monika reiste im Frühjahr 385 zu ihm nach Mailand und brachte zunächst etwas mütterliche Ordnung in die aus Freunden und Schülern bestehende Lebensumgebung ihres Sohnes. Sie unterstützte ihn auch im Studium der Lehren des Mailänder Bischofs Ambrosius…
Im April des Jahres 387 empfing Augustinus zusammen mit seinem Sohn Adeodatus von Ambrosius die Taufe. Inzwischen war beschlossen worden, zum Zweck einer gottgefälligeren Lebensführung gemeinsam nach Nordafrika zurückzukehren. Auf der Heimreise im selben Jahr verstarb Monika von Tagaste im Alter von 56 Jahren in der Hafenstadt Ostia. Ihre Gebeine wurden im 15. Jahrhundert in die Kirche Sant’Agostino in Campo Marzio nach Rom überführt.
In der christlichen Kunst wurde Monika oft mit dem Krug als Attribut dargestellt. Er soll die Tränen versinnbildlichen, die sie weinte, bis ihr Sohn sich zum Christentum bekehrte.

Mi, 26.8.

„Nun ruhen alle Wälder“, mein liebstes Abendlied, hat neun Strophen, sechs werden gesungen bei der Trauerfeier für Kurt Masur im Januar 2016 in der Thomaskirche in Leipzig, deshalb heute ein etwas längeres Video.
Auch wenn man den Text auswendig kann, ist es nicht einfach, die Verse in die richtige Reihenfolge zu bringen. Mir hilft nach der ersten Strophe folgende Eselsbrücke:
Wo – der Tag – der Leib – das Haupt – nun geht – mein Augen –
Dann die berühmten Schlussverse: Breit aus die Flügel beide – Auch euch, ihr meine Lieben

Di, 25.8.

Das bei Evangelischen sehr beliebte Abendlied (besonders die letzte Strophe) ist auch im katholischen Gesangbuch Gotteslob aufgenommen. Die Jugendkantorei Überlingen singt die erste Strophe. Heute also ein kurzes Video, morgen ein längeres Abendlied, mein liebstes… Wo immer ihr ruht – erholsamen Schlaf wünscht euer Ernst
1) Mein schönste Zier und Kleinod bist
auf Erden Du, Herr Jesu Christ;
Dich will ich lassen walten
und allezeit in Lieb und Leid
in meinem Herzen halten.
2) Dein Lieb und Treu vor allem geht,
kein Ding auf Erd so fest besteht;
solchs muss man frei bekennen.
Drum soll nicht Tod, nicht Angst, nicht Not
von Deiner Lieb mich trennen.
3) Dein Wort ist wahr und trüget nicht
und hält gewiss, was es verspricht,
im Tod und auch im Leben.
Du bist nun mein und ich bin Dein,
Dir hab ich mich ergeben.
4) Der Tag nimmt ab. Ach schönste Zier,
Herr Jesu Christ, bleib Du bei mir,
es will nun Abend werden.
Lass doch Dein Licht auslöschen nicht
bei uns allhier auf Erden.

Mo, 24.8.

Mit vielen Fotos führe ich am Bartholomäustag euch in den Frankfurter Kaiserdom Sankt Bartholomäus, erzähle die Legende des Märtyrers und wünsche nicht nur einen schönen August, sondern auch Trost im Sterben, dereinst.

So, 23.8.

Leise klingt das Morgenläuten des Münsters um halb sieben über die Donau.
Psalm 145
mit Impressionen dieser Morgenstunde
1 Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.
2 Ich will dich täglich loben und deinen Namen rühmen immer und ewiglich…
4 Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen…
8 Gnädig und barmherzig ist der HERR, geduldig und von großer Güte…
14 Der HERR hält alle, die da fallen, und richtet alle auf, die niedergeschlagen sind.
15 Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
16 Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, mit Wohlgefallen…
18 Der HERR ist nahe allen, die ihn anrufen, allen, die ihn mit Ernst anrufen…Sa, 22.8.

Ein jüdisches Morgengebet vor der Synagoge in Ulm mit Bildern von einer Bar-Mizwa-Feier an der Klagemauer in Jerusalem.
Ein Satz darin lässt erahnen, wie stark der gemeinsame Glaube die Spannungen des Lebens aushält: „Deine Treue preisen wir, wenn frische Gräber sich öffnen, wenn junges Leben uns froh begrüßt…“

Fr, 21.8.

In der Woche der Morgenlieder heute der Choral von Johannes Zwick, Melodie von Johann Walter (zwei Säulen der Reformation):
All Morgen ist ganz frisch und neu
1) All Morgen ist ganz frisch und neu
des Herren Gnad und große Treu;
sie hat kein End den langen Tag,
drauf jeder sich verlassen mag.
2) O Gott, du schöner Morgenstern,
gib uns, was wir von dir begehrn:
Zünd deine Lichter in uns an,
laß uns an Gnad kein Mangel han.
3) Treib aus, o Licht, all Finsternis,
behüt uns, Herr, vor Ärgernis,
vor Blindheit und vor aller Schand
und reich uns Tag und Nacht dein Hand,
4) zu wandeln als am lichten Tag,
damit, was immer sich zutrag,
wir stehn im Glauben bis ans End
und bleiben von dir ungetrennt.

Do, 20.8.

Eduard Mörike (* 8. September 1804 in Ludwigsburg, † 4. Juni 1875 in Stuttgart) war Pfarrer und Dichter.
In der Frühe
Ich singe das Gedicht auf die Melodie „Wie schön leuchtet der Morgenstern“, wobei ich gegen Schluss noch zwei Takte dazufügen muss.
Mit Bildern vom Berg und der Burg Teck bei Kirchheim/Teck
Kein Schlaf noch kühlt das Auge mir,
Dort gehet schon der Tag herfür
An meinem Kammerfenster.
Es wühlet mein verstörter Sinn
Noch zwischen Zweifeln her und hin
Und schaffet Nachtgespenster.
– Ängste, quäle
Dich nicht länger, meine Seele!
Freu dich! schon sind da und dorten
Morgenglocken wach geworden.

Mi, 19.8.

Emanuel August Geibel (* 17. Oktober 1815 in Lübeck; † 6. April 1884 ebenda) war ein deutscher Lyriker. Bekannt geblieben sind seine Wanderlieder „Der Mai ist gekommen…“ und „Wer recht in Freuden wandern will…“, das ihr hier hört (voller Gottvertrauen, würde auch ins Gesangbuch passen) und die Schlussverse des Gedichts „Deutschlands Beruf“, 1861: „Und es mag am deutschen Wesen / einmal noch die Welt genesen“, die Kaiser Wilhelm II. zum politischen Schlagwort umformte: „Am deutschen Wesen mag die Welt genesen.“
Geibel ist nach Heinrich Heine der deutschsprachige Dichter, dessen Gedichte am häufigsten in Musik gesetzt worden sind. Es gibt ca 3700 Vertonungen von 288 Gedichten Geibels, allein 30 Kompositionen zu „Der Mai ist gekommen…“ und 40 zu „Fern im Süd das schöne Spanien…“
Dankbar bin ich unserem Musiklehrer in Gunzenhausen, Josef Melzl, der uns die Freude an Volksweisen und Kunstliedern mitgegeben hat und unserem Religionslehrer, dem späteren Dekan von Weißenburg, Hermann Nicol, bei dem bis zur 13. Klasse in jeder Stunde gesungen wurde.

Jetzt singen die Tölzer Knaben:

Wer recht in Freuden wandern will,
der geht der Sonn entgegen.
Da ist der Wald so kirchenstill,
kein Lüftchen mag sich regen.
Noch sind nicht die Lerchen wach,
nur im hohen Gras der Bach singt leise den Morgensegen.

Die ganze Welt ist wie ein Buch,
darin uns aufgeschrieben
in bunten Zeilen manch ein Spruch,
wie Gott uns treu geblieben;
Wald und Blumen, nah und fern,
und der helle Morgenstern sind Zeugen von seinem Lieben…

Und plötzlich lässt die Nachtigall
im Busch ihr Lied erklingen;
im Berg und Tal erwacht der Schall
und will sich aufwärts schwingen,
und der Morgenröte Schein
stimmt in lichter Glut mit ein: Lasst uns dem Herrn lobsingen.

Di, 18.8.

Joseph von Eichendorff
„Morgenlied“
mit Elisabeth Unselds Fotos von der Linde bei Blaubeuren-Sonderbuch

Ein Stern still nach dem andern fällt
Tief in des Himmels Kluft
Schon zucken Strahlen durch die Welt,
Ich wittre Morgenluft…

Da hebt die Sonne aus dem Meer
Eratmend ihren Lauf;
Zur Erde geht, was feucht und schwer,
Was klar, zu ihr hinauf.

Hebt grüner Wälder Trieb und Macht
Neurauschend in die Luft,
Zieht hinten Städte, eitel Pracht,
Blau Berge durch den Duft.

Spannt aus die grünen Tepp’che weich,
Von Strömen hell durchrankt,
Und schallend glänzt das frische Reich,
So weit das Auge langt.

Der Mensch nun aus der tiefen Welt
Der Träume tritt heraus,
Freut sich, dass alles noch so hält,
Dass noch das Spiel nicht aus.

Und nun geht’s an ein Fleißigsein!
Umsumsend Berg und Tal
Agieret lustig groß und klein
Den Plunder allzumal.

Die Sonne steiget einsam auf,
Ernst über Lust und Weh
Lenkt sie den ungestörten Lauf
Zu stiller Glorie. –

Und wie er dehnt die Flügel aus,
Und wie er auch sich stellt,
Der Mensch kann nimmermehr hinaus
Aus dieser Narrenwelt.

17.8.
Die ganze Woche über dürft ihr Morgenlieder und Morgengedichte erwarten, auch wenn sie schon am Vorabend veröffentlicht werden.

Joachim Ringelnatz. 1883-1934
Morgenwonne

Ich bin so knallvergnügt erwacht.
Ich klatsche meine Hüften.
Das Wasser lockt. Die Seife lacht.
Es dürstet mich nach Lüften.

Ein schmuckes Laken macht einen Knicks
und gratuliert mir zum Baden.
Zwei schwarze Schuhe in blankem Wichs
betiteln mich „Euer Gnaden“.

Aus meiner tiefsten Seele zieht
mit Nasenflügelbeben
ein ungeheurer Appetit
nach Frühstück und nach Leben.

So, 16.8.

Ein Bekenntnis Luthers beim Glockenläuten der Martin-Luther-Kirche in Ulm. Mit Figuren der Evangelisten aus dem Kircheninneren.
Von Gott gewürdigt
Ich bin würdig gewesen, dass mich Gott, mein Schöpfer, aus Nichts geschaffen hat und in meiner Mutter Leib gebildet.
Ich bin würdig gewesen, dass mich Gott durch seines eingeborenen Sohnes Tod erlöst hat.
Ich bin würdig erachtet, dass der Heilige Geist mich über Christus, Gottes Sohn, belehrt hat und Lust und Liebe zum Evangelium in mein Herz gegeben.
Ich bin für würdig erachtet, dass ich durch göttlichen Beistand in so viel Anfechtung, Gefahr und Widerstand erhalten werde gegen Satan und die Welt.
Ich bin würdig erachtet, dass mir Gott bei (Androhung) ewiger Ungnade nachdrücklich geboten hat, durch Christus an keinem dieser Punkte und an seiner Gnade und an seinem Vaterherzen irgendwie zu zweifeln.
Darum will ich, Herr, deiner Werke gedenken und betrachten die Geschäfte deiner Hände.

15.8.

Während eine Band spielt und Amnesty International zum Bemalen des Münsterplatzes in Ulm einlädt, stehe ich am Marienportal des Münsters und trage zum Feiertag Mariae Himmelfahrt ihren Lobgesang aus Lukas 1 vor:
46 Meine Seele erhebt den Herrn,
47 und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes;
48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich selig preisen alle Kindeskinder.
49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.
50 Und seine Barmherzigkeit währet für und für bei denen, die ihn fürchten.
51 Er übt Gewalt mit seinem Arm und zerstreut, die hoffärtig sind in ihres Herzens Sinn.
52 Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhebt die Niedrigen.
53 Die Hungrigen füllt er mit Gütern und lässt die Reichen leer ausgehen.
54 Er gedenkt der Barmherzigkeit und hilft seinem Diener Israel auf,
55 wie er geredet hat zu unsern Vätern, Abraham und seinen Nachkommen in Ewigkeit.
56 Und Maria blieb bei Elisabeth etwa drei Monate; danach kehrte sie wieder heim.

14.8.

Das am 12. April 1938 entstandene Gedicht erschien 1938 in dem Band Kyrie. Geistliche Lieder. unter dem Titel Morgenlied. Klepper schickt den Bibelvers voraus:
„Er weckt mich alle Morgen; er weckt mir das Ohr, dass ich höre wie ein Jünger. Der Herr hat mir das Ohr geöffnet; und ich bin nicht ungehorsam und gehe nicht zurück. Denn ich weiß dass ich nicht zuschanden werde. Er ist nahe, der mich gerecht spricht. (Jesaja 50,4–8)“
Kleppers Tagebucheintrag vom 12. April 1938 ist dieses Bibelwort ebenfalls vorangestellt, und er schreibt weiter:
„Weicher, glänzender Tag. Meine kleinen Osterbesorgungen für Mutter, Frau und Töchter. In unserem alten Garten in der Seestraße blühen die alten Kirschbäume so schön… Ich schrieb heute ein Morgenlied über Jesaja 50, die Worte, die mir den ganzen Tag nicht aus dem Ohr gegangen waren.“
1. Er weckt mich alle Morgen;
er weckt mir selbst das Ohr.
Gott hält sich nicht verborgen,
führt mir den Tag empor,
dass ich mit seinem Worte
begrüß’ das neue Licht.
Schon an der Dämmerung Pforte
ist er mir nah und spricht.

2. Er spricht wie an dem Tage,
da er die Welt erschuf.
Da schweigen Angst und Klage;
nichts gilt mehr als sein Ruf!
Das Wort der ewigen Treue,
die Gott uns Menschen schwört,
erfahre ich aufs neue
so wie ein Jünger hört.

3. Er will, dass ich mich füge.
Ich gehe nicht zurück.
Hab’ nur in ihm Genüge,
in seinem Wort mein Glück.
Ich werde nicht zuschanden,
wenn ich nur ihn vernehm’:
Gott löst mich aus den Banden!
Gott macht mich ihm genehm!

4. Er ist mir täglich nahe
und spricht mich selbst gerecht.
Was ich von ihm empfahe,
gibt sonst kein Herr dem Knecht.
Wie wohl hat’s hier der Sklave –
der Herr hält sich bereit,
dass er ihn aus dem Schlafe
zu seinem Dienst geleit’!

5. Er will mich früh umhüllen
mit seinem Wort und Licht,
verheißen und erfüllen,
damit mir nichts gebricht;
will vollen Lohn mir zahlen,
fragt nicht, ob ich versag’.
Sein Wort will helle strahlen,
wie dunkel auch der Tag!

Do, 13.8.

Gottfried Kellers (1819-1890) „Sommernacht“ verbinde ich mit eigenen Erinnerungen als Kind beim Ernten und Dreschen. Dazu zeige ich Saat-und-Ernte-Bilder von van Gogh und Millet. Am Ende wünsche ich die Freuden des Helfens und Geholfen-Werdens. Euer Ernst

Es wallt das Korn weit in die Runde
Und wie ein Meer dehnt es sich aus;
Doch liegt auf seinem stillen Grunde
Nicht Seegewürm noch andrer Graus;
Da träumen Blumen nur von Kränzen
Und trinken der Gestirne Schein.
O goldnes Meer, dein friedlich Glänzen
Saugt meine Seele gierig ein!

In meiner Heimat grünen Talen,
Da herrscht ein alter schöner Brauch:
Wann hell die Sommersterne strahlen,
Der Glühwurm schimmert durch den Strauch,
Dann geht ein Flüstern und ein Winken,
Das sich dem Ährenfelde naht,
Da geht ein nächtlich Silberblinken
Von Sicheln durch die goldne Saat.

Das sind die Bursche jung und wacker,
Die sammeln sich im Feld zuhauf
Und suchen den gereiften Acker
Der Witwe oder Waise auf,
Die keines Vaters, keiner Brüder
Und keines Knechtes Hülfe weiß –
Ihr schneiden sie den Segen nieder,
Die reinste Lust ziert ihren Fleiß.

Schon sind die Garben festgebunden
Und rasch in einen Ring gebracht;
Wie lieblich floh’n die kurzen Stunden,
Es war ein Spiel in kühler Nacht!
Nun wird geschwärmt und hell gesungen
Im Garbenkreis, bis Morgenluft
Die nimmermüden braunen Jungen
Zur eignen schweren Arbeit ruft.

12.8.

Vom Dach eines Neu-Ulmer Möbelhauses aus ein Gedicht von Wilhelm Raabe (1831 – 1910)

Auf alle Höhen
Da wollt‘ ich steigen,
Zu allen Tiefen
Mich niederneigen.

Die Nah und Ferne
Wollt‘ ich erkünden,
Geheimste Wunder
Wollt‘ ich ergründen.

Unendlich Schweifen,
Im ew’gen Streben,
Ein Nieergreifen –
Das war mein Leben.

Nun ist’s geschehen; –
Aus allen Räumen
Hab‘ ich gewonnen
Ein holdes Träumen.

Nun sind umschlossen
Im engsten Ringe,
Im stillsten Herzen
Weltweite Dinge.

Lichtblauer Schleier
Sank nieder leise;
In Liebesweben,
Goldzauberkreise –
Ist nun mein Leben.

11.8.

Kennt ihr „Die Dämmerung fällt“? Hier kommts zum Mitsingen. Ihr müsst euch ja nicht auf die Decke legen wie ich

Die Dämmerung fällt, wir sind müde vom Traben,
Die Straßen sie haben der Steine gar viel.
Lasst sie für heute allein.
2. Es ist uns bestimmt, mit brennenden Füßen
Die Unrast zu büßen, die tags uns ergriff.
Bald Kameraden ist Ruh.
3. Wer weiß, wo der Wind uns morgen schon hinweht,
Wo keiner mehr mitgeht, der Bruder uns ist.
Bald sind wir alle allein.

10.8. San Lorenzo in Rom

Heute, am Laurentiustag, erzähle ich etwas über diesen Märtyrer und zeige seine Begräbniskirche in Rom.
Laurentiustränen werden die August-Sternschnuppen genannt, am besten zu sehen am 12. August.
Aloisia Strobel war oft auf Reisen dabei. Ich verneige mich, ihrer gedenkend.

9.8.

Die Poesie ist für Andrés Sánchez Robayna ein geistiges Abenteuer. Beginnt er ein Gedicht, so weiß er nie, wie es letztlich enden wird. „Die Sprache“, so sagt er, „weiß mehr als wir“. Dichtung und Transzendenz sind im Werk Sánchez Robaynas untrennbar verbunden. Sein befreundeter Kollege Juan Goytisolo hat es folgendermaßen formuliert: „Andrés Sánchez Robayna weiß, sich in das Magma unserer Ungewissheit zu vertiefen und das Licht des Dunkels hervorzubringen. Was kann man mehr von einem Dichter verlangen?“ Danke, lieber Freund Alfred Meyerhuber, dass du mir das Werk mit deiner Übersetzung schmackhaft gemacht hast

ÜBER EINEN THRON AUS STEIN
Ludovisi. Palazzo Altemps

Sag, falls du weißt: dieser Fels,
dieser Thron, dieser marmorne Block,
wird er die Zeiten überdauern? Wird er uns,
unsere Träume in das Reich der Schatten
tragen, in dem unser Erinnern zerschellt,
das Erinnern, das unser Hoffen birgt?

Sieh, auf dem Stein, die Frau, die dem Wasser
entsteigt. Zwei Dienerinnen, die sie stützen,
verhüllen ihre Blöße kaum und ihre
benetzten Hände erhebt sie,
hinauf zu den Schultern, den Körpern,
die zu ihr hinab sich beugen,
Fleisch gewordener Glanz,
die Sehnsucht der Hände, die Gier der Schultern.

Seitlich, ein Mädchen spielt dort
den Aulos, sie sitzt und kreuzt die Beine.
Es ist Sommer: sie ist nackt. Sie spielt und spielt und es belauschen die Zikaden
ihre Melodie. Höre, das Lied
klingt durch die Zeiten, bis an diese Hänge.

Eine Frau, jene auf der anderen Seite, opfert
Weihrauch. Ein Umhang bedeckt ihr Haupt.
Der Spitze eines hohen Stängels
entsprießt die Räucherschale, wie eine Blüte offen
in das Licht und trinkt das glühende Licht. Seht,
das Weihgeschenk des Feuers an das Licht.

Keine Auslöschung für immer, sagtest du. Wir werden
in den Leib aus Sternen heimkehren
in das Reich allen Anfangs und des Endes,
zur unsterblichen und gebärenden Kraft.
Und wenn von uns nur dieser eine Stein verbliebe,
dieser Stein, er spräche von all unserem Erinnern.

8.8.

Das Hohe Friedensfest in Augsburg, seit 1650 immer am 8. August, kann heute nur mit den Abstandsregeln gefeiert werden: Kein Friedensmahl mit tausenden, kein Kinderfriedensfest, aber wie seit 1984 ökumenisch und wieder mit einem Friedens-Preisträger, der am Nachmittag bekannt gegeben wird. Dazu singe ich bei Bildern der wunderbaren Putten in der St. Anna Kirche, in der ich 1976 bis 1982 Pfarrer sein durfte, Kurt Rommels Friedenslied:

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit…

Ich möchte gerne Brücken bauen,
wo alle tiefe Gräben sehn.
Ich möchte hinter Zäune schauen
und über hohe Mauern gehn.

Ich möchte gern dort Hände reichen,
wo jemand harte Fäuste ballt.
Ich suche unablässig Zeichen
des Friedens zwischen Jung und Alt.

Ich möchte nicht zum Mond gelangen,
jedoch zu meines Feindes Tür.
Ich möchte keinen Streit anfangen;
ob Friede wird, liegt auch an mir.

Herr, gib mir Mut zum Brückenbauen,
gib mir den Mut zum ersten Schritt.
Lass mich auf deine Brücken trauen,
und wenn ich gehe, geh du mit.

7.8.

Am liebsten höre ich als Grundton der Natur die Freude. Doch heute, am Freitag, lassen wir uns sagen, dass auch der Schmerz dazugehört. Das Gedicht dazu stammt von Justinus Kerner (*1786 in Ludwigsburg, + 1862 in Weinsberg). Er war Arzt und Dichter.
Der Grundton der Natur

Wenn der Wald im Winde rauscht,
Blatt mit Blatt die Rede tauscht,
Möcht‘ ich gern die Blätter fragen:
Tönt ihr Wonnen? tönt ihr Klagen?

Springt der Waldbach Tal entlang
Mit melodischem Gesang,
Frag‘ ich still in meinem Herzen:
Singt er Wonne? singt er Schmerzen?

Lausch‘ der Äolsharfe nur!
Schmerz ist Grundton der Natur;
Schmerz des Waldes rauschend Singen,
Schmerz – des Baches murmelnd Springen,
Und am meist aus Menschen Scherz
Tönt als Grundton Schmerz, nur Schmerz.
Die Äolsharfe, auch Windharfe genannt ist ein Saiteninstrument, dessen Saiten durch Einwirkung eines Luftstroms zum Klingen gebracht werden. Ihr Name leitet sich von Aiolos, lateinisch Aeolus, dem Beherrscher der Winde in der griechischen Mythologie, her. Nach ihrer Bauart gehört die Äols- oder Windharfe zur Familie der Zitherinstrumente. Die Äolsharfe wird häufig als Sinnbild für den Poeten gesehen.

6.8.

Mit dem Gedicht können wir eigene süße Erinnerungen hochkommen lassen. Es hilft, so wünschte ich, Vergangenes ins Leben zu integrieren. Alles hat seine Zeit, wichtig ist die Gegenwart. Euer Ernst

Conrad Ferdinand Meyer

Stapfen

In jungen Jahren wars. Ich brachte dich
Zurück ins Nachbarhaus, wo du zu Gast,
Durch das Gehölz. Der Nebel rieselte,
Du zogst des Reisekleids Kapuze vor
Und blicktest traulich mit verhüllter Stirn.
Nass ward der Pfad. Die Sohlen prägten sich
Dem feuchten Waldesboden deutlich ein,
…Dann scherzten wir, der nahen Trennung klug
Das Angesicht verhüllend, und du schiedst,
…Ich…wohlgemut
Vertrauend auf ein baldig Wiedersehn.
Vergnüglich schlendernd, sah ich auf dem Rain
Den Umriss deiner Sohlen deutlich noch
Dem feuchten Waldesboden eingeprägt,
Die kleinste Spur von dir, die flüchtigste,
Und doch dein Wesen: wandernd, reisehaft,
Schlank, rein, walddunkel, aber o wie süß!
Die Stapfen schritten jetzt entgegen dem
Zurück dieselbe Strecke Wandernden;
Aus deinen Stapfen hobst du dich empor
Vor meinem innern Auge. Deinen Wuchs
Erblickt ich mit des Busens zartem Bug.
Vorüber gingst du, eine Traumgestalt.
Die Stapfen wurden jetzt undeutlicher,
Vom Regen halb gelöscht, der stärker fiel.
Da überschlich mich eine Traurigkeit:
Fast unter meinem Blick verwischten sich
Die Spuren deines letzten Gangs mit mir.

5.8.

Ein Gewitterregen prasselt auf den Schirm, wenn ich euch aus „Geh‘ aus mein Herz“ die Strophen fünf bis acht vortrage.
Mit einigen Fotos aus dem Kleinen Lautertal bei Blaustein (Alb-Donau-Kreis)

5. Die Bächlein rauschen in dem Sand
und malen sich an ihrem Rand
mit schattenreichen Myrten;
die Wiesen liegen hart dabei
und klingen ganz vom Lustgeschrei
der Schaf und ihrer Hirten.

6. Die unverdrossne Bienenschar
fliegt hin und her, sucht hier und da
ihr edle Honigspeise;
des süßen Weinstocks starker Saft
bringt täglich neue Stärk und Kraft
in seinem schwachen Reise.

7. Der Weizen wächset mit Gewalt;
darüber jauchzet jung und alt
und rühmt die große Güte
des, der so überfließend labt,
und mit so manchem Gut begabt
das menschliche Gemüte.

8. Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des großen Gottes großes Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen.

4.8.

„Geh aus mein Herz und suche Freud…“ hat viele Melodien. Ich mags auch gesprochen.

3.8.

Sommermittag von Theodor Strom,
aufgenommen am Eichenberger Weiher,
der Badesee meiner Kindheit

Nun ist es still um Hof und Scheuer,
Und in der Mühle ruht der Stein;
Der Birnenbaum mit blanken Blättern
Steht regungslos im Sonnenschein.
Die Bienen summen so verschlafen;
Und in der offnen Bodenluk‘,
Benebelt von dem Duft des Heues,
Im grauen Röcklein nickt der Puk.
Der Müller schnarcht und das Gesinde,
Und nur die Tochter wacht im Haus;
Die lachet still und zieht sich heimlich
Fürsichtig die Pantoffeln aus.
Sie geht und weckt den Müllerburschen,
Der kaum den schweren Augen traut:
»Nun küsse mich, verliebter Junge;
Doch sauber, sauber! nicht zu laut.«

2.8.

Mein Sonntagsgedicht von der Neu-Ulmer Donauinsel aus:

Glückes genug

Wenn sanft du mir im Arme schliefst,
Ich deinen Atem hören konnte,
Im Traum du meinen Namen riefst,
Um deinen Mund ein Lächeln sonnte –
Glückes genug.

Und wenn nach heißem, ernstem Tag
Du mir verscheuchtest schwere Sorgen,
Wenn ich an deinem Herzen lag,
Und nicht mehr dachte an ein Morgen –
Glückes genug.

Detlev von Liliencron
(* 03.06.1844, † 22.07.1909)

1.8.

Ich mag Liebesgedichte, die ihr Geheimnis bewahren, wie dieses:
Einen Sommer lang
von Detlev von Liliencron,
aufgenommen zwischen Gunzenhausen, Geislohe und Eichenberger Weiher am Rand eines Kiefernwaldes, bevor wir uns zum Klassentreffen (Abi 1968) bei Margarethe trafen.
Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.
Wenn wir uns von ferne sehen,
Zögert sie den Schritt,
Rupft ein Hälmchen sich im Gehen,
Nimmt ein Blättchen mit.
Hat mit Ähren sich das Mieder
Unschuldig geschmückt,
Sich den Hut verlegen nieder
In die Stirn gerückt.
Finster kommt sie langsam näher,
Färbt sich rot wie Mohn;
Doch ich bin ein feiner Späher ,
Kenn die Schelmin schon.
Noch ein Blick in Weg und Weite,
Ruhig liegt die Welt,
Und es hat an ihre Seite
Mich der Sturm gesellt.
Zwischen Roggenfeld und Hecken
Führt ein schmaler Gang;
Süßes, seliges Verstecken
Einen Sommer lang.