Die Videos vom September 2020

30.9.

Auch heute ein kurzes Hesse-Gedicht
Spätsommer
Noch einmal, ehe der Sommer verblüht,
wollen wir für den Garten sorgen,
die Blumen gießen, sie sind schon müd,
bald welken sie ab, vielleicht schon morgen.

Noch einmal, ehe wieder die Welt
irrsinnig wird und von Kriegen gellt,
wollen wir an den paar schönen Dingen
uns freuen und ihnen Lieder singen.

29.9.
Heute und bis zum Freitag kurze Gedichte von Hermann Hesse:

ALLEIN

Es führen über die Erde
Straßen und Wege viel,
Aber alle haben
Dasselbe Ziel.

Du kannst reiten und fahren
Zu zwein und zu drein –
Den letzten Schritt musst du
Gehen allein.

Drum ist kein Wissen
Noch Können so gut,
Als dass man alles Schwere
Alleine tut.

Mit „dasselbe Ziel“ ist das Grab gemeint. Typisch für viele Gedichte Hesses ist, dass der Tod als tiefe Bassstimme mitschwingt. Aber aus dem dunklen Klang steigt die Melodie des Lebens umso schöner empor: „das Reiten und Fahren zu zwein und zu drein“.

28.9.

„Nun danket alle Gott“ ist mitten im 30-jährigen Krieg als Tischlied entstanden. Martin Rinckart (*1586 und +1649 in Eilenburg bei Leipzig) war der Dichter, Johann Crüger der Komponist. Der Choral wurde (in meiner Vita) gesungen beim Richtfest eines Hauses, bei Taufen, zu Silvester, am Erntedankfest. Ihr seht eine Aufnahme mit den Knaben des Kreuzchors in der Semperoper Dresden zum 800-jährigen Jubiläum der dortigen Kreuzkirche. Hintergrund bei den Texteinblendungen ist diese Kreuzkiche.
Berühmt wurde der Choral im 18. Jahrhundert in Anlehnung an die Schlacht von Leuthen als „Choral von Leuthen“. In der Nähe des niederschlesischen Ortes Leuthen besiegte am 5. Dezember 1757 die preußische Armee unter Friedrich II. die Österreicher im Siebenjährigen Krieg. Am Abend nach der Schlacht sollen 25.000 Soldaten spontan das Lied angestimmt haben.
Nun danket alle Gott erhielt im Historischen Festspiel der Dinkelsbühler Kinderzeche einen prominenten Platz als Schlusschoral und Danksagung wegen der erfolgreich abgewendeten Plünderung der Stadt durch die Schweden im Dreißigjährigen Krieg.
Der Choral wurde auch 1955 im Lager Friedland nach Ankunft der letzten deutschen Kriegsgefangenen aus der Sowjetunion, deren Heimkehr Bundeskanzler Konrad Adenauer erwirkt hatte, angestimmt.
Nun danket alle Gott
mit Herzen, Mund und Händen,
der große Dinge tut
an uns und allen Enden,
der uns von Mutterleib
und Kindesbeinen an
unzählig viel zu gut
bis hierher hat getan.

Der ewigreiche Gott
woll uns bei unserm Leben
ein immer fröhlich Herz
und edlen Frieden geben
und uns in seiner Gnad
erhalten fort und fort
und uns aus aller Not
erlösen hier und dort.

Lob, Ehr und Preis sei Gott
dem Vater und dem Sohne
und Gott dem Heilgen Geist
im höchsten Himmelsthrone,
ihm, dem dreiein’gen Gott,
wie es im Anfang war
und ist und bleiben wird
so jetzt und immerdar.

27.9.

Alle zwei Jahre findet in Ulm der Württembergische Landesposaunentag statt. Höhepunkt ist immer die Schlussfeier auf dem Münsterplatz mit dem Choral „Nun danket alle Gott“ und dem Münsterläuten. Hier kommts.
Morgen mehr zu diesem Klassiker aus dem Gesangbuch.

26.9.

Sterbenskrank mit Rippfellentzündung liegt 1777 Matthias Claudius in Darmstadt (deshalb mit Fotos von dort) im Bett. Er darf wieder gesund werden und schreibt

„Nach der Krankheit 1777“.

Sich selbst nennt er dabei „Asmus“, den Tod „Freund Hain“ und seine Rebekka „lieb Weibel“

Ich lag und schlief; da fiel ein böses Fieber
Im Schlaf auf mich daher,
Und stach mir in der Brust und nach dem Rücken über,
Und wütete fast sehr.

Es sprachen Trost, die um mein Bette saßen;
Lieb Weibel grämte sich,
Ging auf und ab, wollt sich nicht trösten lassen,
Und weinte bitterlich.

Da kam Freund Hain: „Lieb Weib, musst nicht so grämen,
Ich bring ihn sanft zur Ruh“:
Und trat ans Bett, mich in den Arm zu nehmen,
Und lächelte dazu.

Sei mir willkommen, sei gesegnet, Lieber!
Weil du so lächelst; doch
Doch, guter Hain, hör an, darfst du vorüber,
So geh und lass mich noch!

„Bist bange, Asmus? – Darf vorüber gehen
Auf dein Gebet und Wort.
Leb also wohl, und bis auf Wiedersehen!“
Und damit ging er fort.

Und ich genas! Wie sollt‘ ich Gott nicht loben!
Die Erde ist doch schön,
Ist herrlich doch wie seine Himmel oben,
Und lustig drauf zu gehn!

Will mich denn freun noch, wenn auch Lebensmühe
Mein wartet, will mich freun!
Und wenn du wiederkommst, spät oder frühe,
So lächle wieder, Hain!

25.9.

Von Matthias Claudius kennen wir vor allem „Der Mond ist aufgegangen…“. Da ist vom Halbmond die Rede. So passt es genaugenommen nur für wenige Tage im Monat. Die folgenden Danksprüche passen für jeden Tag (mit Impressionen aus Bad Waldsee)

Täglich zu singen (1777)

Ich danke Gott, und freue mich
Wie’s Kind zur Weihnachtsgabe,
Dass ich bin, bin! Und dass ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe;

Dass ich die Sonne, Berg und Meer,
Und Laub und Gras kann sehen,
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen;

Und dass mir denn zumute ist,
Als wenn wir Kinder kamen,
Und sahen, was der heil’ge Christ
Bescheret hatte, amen!

Ich danke Gott mit Saitenspiel,
Dass ich kein König worden;
Ich wär geschmeichelt worden viel,
Und wär vielleicht verdorben.

Auch bet‘ ich ihn von Herzen an,
Dass ich auf dieser Erde
Nicht bin ein großer reicher Mann,
Und auch wohl keiner werde.

Denn Ehr‘ und Reichtum treibt und bläht,
Hat mancherlei Gefahren,
Und vielen hat’s das Herz verdreht,
Die weiland wacker waren.

Und all das Geld und all das Gut
Gewährt zwar viele Sachen;
Gesundheit, Schlaf und guten Mut
Kann’s aber doch nicht machen.

Und die sind doch, bei Ja und Nein!
Ein rechter Lohn und Segen!
Drum will ich mich nicht groß kastei’n
Des vielen Geldes wegen.

Gott gebe mir nur jeden Tag,
Soviel ich darf zum Leben.
Er gibt’s dem Sperling auf dem Dach;
Wie sollt‘ ers mir nicht geben!

24.9.

Selma Merbaum-Eichinger (geboren 5. Februar 1924 in Czernowitz, Rumänien; gestorben 16. Dezember 1942 im Zwangsarbeitslager Michailowka im rumänischen Okkupationsgebiet Gouvernement Transnistrien) war eine rumänische deutschsprachige Dichterin, die als verfolgte Jüdin achtzehnjährig entkräftet am Fleckfieber starb. Ihr Werk wird mittlerweile zur Weltliteratur gezählt. Bei Selma Merbaums Gedichten handelt es sich um Liebes- und Naturlyrik, die von einer melancholischen Grundstimmung geprägt sind. Kastanien
KASTANIEN
Auf dem glatten hellen Wege
liegen sie, verstreut und müde,
braun und lächelnd wie ein weicher Mund,
voll und glänzend, lieb und rund,
hör‘ ich sie wie perlende Etüde.
Wie ich eine nehme und in meine Hand sie lege,
sanft und zärtelnd wie ein kleines Kind,
denk‘ ich an den Baum und an den Wind,
wie er leise durch die Blätter sang,
und wie den Kastanien dieses weiche Lied
sein muss wie der Sommer, der unmerklich schied,
nur als letzten Abschied lassend diesen Klang.
Und die eine hier in meiner Hand
ist nicht braun und glänzend wie die andern,
sie ist matt und schläfrig wie der Sand,
der mit ihr durch meine Finger rollt.
Langsam, Schritt für Schritt, wie ungewollt
lass ich meine Füße weiter wandern.

23.9.

Stefan George (* 12. Juli 1868 in Büdesheim, heute Stadtteil von Bingen am Rhein; † 4. Dezember 1933 in Locarno):
Komm in den totgesagten park und schau (1897)

Komm in den totgesagten park und schau:
Der schimmer ferner lächelnder gestade ·
Der reinen wolken unverhofftes blau
Erhellt die weiher und die bunten pfade.

Dort nimm das tiefe gelb · das weiche grau
Von birken und von buchs · der wind ist lau ·
Die späten rosen welkten noch nicht ganz ·
Erlese küsse sie und flicht den kranz ·

Vergiss auch diese lezten astern nicht ·
Den purpur um die ranken wilder reben
Und auch was übrig blieb von grünem leben
Verwinde leicht im herbstlichen gesicht.

Der wunderbaren Malerin und Restauratorin Dana Gheorghe gewidmet

Wie ihr seht, kennt George Großschreibung nur am Versanfang. Statt komma gibt es den Punkt in der Mitte.

22.9.

Zum kalendarischen Herbstanfang eine wunderbare Aufnahme von „Bunt sind schon die Wälder“, verbunden mit dem Wunsch für einen glücklichen, erlösenden, ertragreichen Herbst. Euer Ernst.

Der Text wurde 1782 vom Schweizer Dichter Johann Gaudenz von Salis-Seewis unter dem Titel „Herbstlied“ verfasst. Die Musik dazu wurde 1799 von Johann Friedrich Reichardt komponiert.

Bunt sind schon die Wälder,
gelb die Stoppelfelder,
und der Herbst beginnt.
Rote Blätter fallen,
graue Nebel wallen,
kühler weht der Wind.

2. Wie die volle Traube
aus dem Rebenlaube
purpurfarbig strahlt!
Am Geländer reifen
Pfirsiche, mit Streifen
rot und weiß bemalt.

3. Flinke Träger springen,
und die Mädchen singen,
alles jubelt froh!
Bunte Bänder schweben
zwischen hohen Reben
auf dem Hut von Stroh.

4. Geige tönt und Flöte
bei der Abendröte
und im Mondesglanz;
junge Winzerinnen
winken und beginnen
frohen Erntetanz

21.9.

Mit Rainer Maria Rilkes berühmten „Herbsttag“ verabschiede ich mich vom Sommer und sage DANKE!

Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.

Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gieb ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.

Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.

Aus: Das Buch der Bilder

20.9.

Die wichtigste Botschaft des Sonntags heißt „Entlastung“. Spürt dies beim Gesang und beim Psalm 81. Mit Bildern zur Wüstenwanderung der „Kinder Israel“, z.B. Nicolas Poussin: „Die Anbetung des goldenen Kalbes“ oder Rembrandt: „Mose zerbricht die Gesetzestafeln“.

Psalm 81, 2 Singet fröhlich Gott, der unsre Stärke ist, jauchzet dem Gott Jakobs!
6 Das hat er zum Zeugnis gesetzt für Josef, als Er auszog wider Ägyptenland. Eine Sprache höre ich, die ich bisher nicht kannte:
7 »Ich habe ihre Schultern von der Last befreit, und ihre Hände wurden den Tragkorb los.
8 Als du mich in der Not anriefst, half ich dir heraus und antwortete dir aus Wolke und Donner und prüfte dich am Haderwasser. Sela.
9 Höre, mein Volk, ich will dich ermahnen. Israel, du sollst mich hören!
10 Kein andrer Gott sei unter dir, und einen fremden Gott sollst du nicht anbeten!
11 Ich bin der HERR, dein Gott, / der dich aus Ägyptenland geführt hat: Tu deinen Mund weit auf, lass mich ihn füllen!

19.9.

Mit dem „Morgenglanz der Ewigkeit…“- Vers am Schluss zitiere ich heute Jörg Zink (mit zwei Fotos vom ihm: dem Kriegsheimkehrer und den „Wort zum Sonntag – Sprecher):
„Nimm den Anfang des Tages wahr, er ist die Stelle, an der du die Ewigkeit berührst. In der Tat wäre uns in vielen Nöten und Krankheiten des Leibes und der Seele geholfen, wenn es uns gelänge, die erste Morgenröte von Eile, von Lärm und Ärger freizuhalten. Der Lauf des Tages hängt im Allgemeinen nicht von unseren persönlichen Vorstellungen ab. Er wird uns aufgezwungen. Aber der Anfang sollte uns gehören.“
Das Titelfoto zeigt die Mondsichel und die Venus am Morgenhimmel vom 15.9. Ähnliche Eindrücke wird es um den 13.10. auch wieder in der Morgendämmerung geben, derzeit nur die helle Venus.

18.9.

Bodensee

Die Dörfer sind wie ein Garten.
In Türmen von seltsamen Arten
klingen die Glocken wie weh.
Uferschlösser warten
und schauen durch schwarze Scharten
müd auf den Mittagsee.

Und schwellende Wellchen spielen,
und goldene Dampfer kielen
leise den lichten Lauf;
und hinter den Uferzielen
tauchen die vielen, vielen
Silberberge auf.

Rainer Maria Rilke17.9.

„Morgenlicht leuchtet“ mit der Sängerin Carolin Rohrbach („Lila“), Taufkirchen
1) Morgenlicht leuchtet, rein wie am Anfang.
Frühlied der Amsel, Schöpferlob klingt.
Dank für die Lieder, Dank für den Morgen,
Dank für das Wort, dem beides entspringt.
2) Sanft fallen Tropfen, sonnendurchleuchtet.
So lag auf erstem Gras erster Tau.
Dank für die Spuren Gottes im Garten,
grünende Frische, vollkommnes Blau.
3) Mein ist die Sonne, mein ist der Morgen,
Glanz, der zu mir aus Eden aufbricht!
Dank überschwenglich, Dank Gott am Morgen!
Wiedererschaffen grüßt uns sein Licht!

16.9.

„Licht der Frühe“ von Hermann Hesse

Mit Fotos vom Morgenlicht am Donauufer Ulm/Neu-Ulm

Heimat, Jugend, Lebens-Morgenstunde,
Hundertmal vergessen und verloren,
Kommt von dir mir eine späte Kunde
Hergeweht, so quillts aus allen Tiefen,
Die verschüttet in der Seele schliefen,
süßtes Licht du, Quelle neugeboren.

Zwischen Einst und Heut das ganze Leben,
Das wir oft für stolz und reich gehalten,
Zählt nicht mehr; ich lause hingegeben
Den so jungen, den so ewig alten
Märchenbrunnen-Melodien wieder
Der vergessenen alten Kinderlieder.

Über allen Staub und alle Wirre
Leuchtest du hinweg und alle Mühe
Unerfüllten Strebens in der Irre,
lautre Quelle, reines Licht der Frühe.

15.9.

„Verklärter Herbst“ von Georg Trakl (1887 – 1914)

Mein Wunsch dazu lautet: Erlebt auch bei allem Schwierigen, das ist, die FRÜCHTE des Jahres und die Schönheit der Herbsttage! Euer Ernst

Gewaltig endet so das Jahr
Mit goldnem Wein und Frucht der Gärten.
Rund schweigen Wälder wunderbar
Und sind des Einsamen Gefährten.

Da sagt der Landmann: Es ist gut.
Ihr Abendglocken lang und leise
Gebt noch zum Ende frohen Mut.
Ein Vogelzug grüßt auf der Reise.

Es ist der Liebe milde Zeit.
Im Kahn den blauen Fluss hinunter
Wie schön sich Bild an Bildchen reiht –
Das geht in Ruh und Schweigen unter.

14.9.

Tröstliche Worte zur Vergänglichkeit im Psalm 103, dazu eine Vertonung des Psalms von Johann Sebastian Bach und Fotos von einer Ägyptenreise

13 Wie sich ein Vater über Kinder erbarmt,
so erbarmt sich der HERR über die, die ihn fürchten.
15 Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras,
er blüht wie eine Blume auf dem Felde;
16wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da,
und ihre Stätte kennet sie nicht mehr.
17 Die Gnade aber des HERRN währt von Ewigkeit zu Ewigkeit

13.9.

Unter einer Buche, deren Blätter wie ein Schutzmantel auf den Boden reichen, spreche ich den Psalm 103 (1. Teil). Er ist oft vertont worden. Eine neuere Melodie hört ihr am Ende, aufgenommen in Coronazeiten. Ein Satz aus Vers 5 ist mein Wunsch: ein fröhlicher Mund. Euer Ernst

Das Hohelied der Barmherzigkeit Gottes
1031Von David.
Lobe den HERRN, meine Seele,
und was in mir ist, seinen heiligen Namen!
2Lobe den HERRN, meine Seele,
und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat:
3der dir alle deine Sünde vergibt
und heilet alle deine Gebrechen,
4der dein Leben vom Verderben erlöst,
der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit,
5der deinen Mund fröhlich macht
und du wieder jung wirst wie ein Adler…
7Er hat seine Wege Mose wissen lassen,
die Kinder Israel sein Tun.
8Barmherzig und gnädig ist der HERR,
geduldig und von großer Güte.
9Er wird nicht für immer hadern
noch ewig zornig bleiben.

Das ganze Video hier:

12.9.
Die schönste Feierabendstimmung in einem Gedicht, die ich kenne, stammt von Hölderlin:

Brot und Wein

Rings um ruhet die Stadt; still wird die erleuchtete Gasse,
Und, mit Fackeln geschmückt, rauschen die Wagen hinweg.
Satt gehn heim von Freuden des Tags zu ruhen die Menschen,
Und Gewinn und Verlust wäget ein sinniges Haupt
Wohlzufrieden zu Haus; leer steht von Trauben und Blumen,
Und von Werken der Hand ruht der geschäftige Markt.
Aber das Saitenspiel tönt fern aus Gärten; vielleicht, dass
Dort ein Liebendes spielt oder ein einsamer Mann
Ferner Freunde gedenkt und der Jugendzeit; und die Brunnen
Immerquillend und frisch rauschen an duftendem Beet.
Still in dämmriger Luft ertönen geläutete Glocken,
Und der Stunden gedenk rufet ein Wächter die Zahl.
Jetzt auch kommet ein Wehn und regt die Gipfel des Hains auf,
Sieh! und das Schattenbild unserer Erde, der Mond
Kommet geheim nun auch; die Schwärmerische, die Nacht kommt,
Voll mit Sternen und wohl wenig bekümmert um uns,
Glänzt die Erstaunende dort, die Fremdlingin unter den Menschen
Über Gebirgeshöhn traurig und prächtig herauf.
Sprecher war Mathias Wieman (* 23. Juni 1902 in Osnabrück; † 3. Dezember 1969 in Zürich), ein Theater- und Filmschauspieler

11.9.

Lebenslauf
Größers wolltest auch du, aber die Liebe zwingt
All uns nieder; das Laid beuget gewaltiger;
Doch es kehret umsonst nicht
Unser Bogen, woher er kommt.

Aufwärts oder hinab! herrschet in heil’ger Nacht,
Wo die stumme Natur werdende Tage sinnt,
Herrscht im schiefesten Orkus
Nicht ein Grades, ein Recht noch auch?

Dies erfuhr ich. Denn nie, sterblichen Meistern gleich
Habt ihr Himmlischen, ihr Alleserhaltenden,
Dass ich wüsste, mit Vorsicht
Mich des ebenen Pfads geführt.

Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen,
Dass er, kräftig genährt, danken für Alles lern’,
Und verstehe die Freiheit,
Aufzubrechen, wohin er will.
Hölderlin kleidet das menschliche Leben in das Bild des Bogens. „Alles“ prüfe der Mensch, für „Alles“ soll er danken, für das Leben, Freud und Leid, Aufwärts und Hinab. Durch die Bejahung guter und schlimmer Erfahrungen gewinnt er die innere „Freiheit, / Aufzubrechen, wohin er will“ und wird zugleich „kräftig genährt“ für neue Aufbrüche. Den Menschen zeichnet aus, dass er aus dem Übervollen schöpfen darf, mit den Extremen der Höhen und Tiefen. Das akzeptierend findet er den Sinn seines Lebenslaufs.

10.9.

„Heidelberg“ von Friedrich Hölderlin
In acht Strophen, sechs spreche ich, rühmt Hölderlin die Brücke, den Fluss und das Schloss. Am Ende des Videos nenn ich euch die Stadt, die mir die schönste ist in Deutschland. Von 1989 bis 1999 durfte ich dort leben und Pfarrer sein.
Lange lieb ich dich schon, möchte dich, mir zur Lust,
Mutter nennen und dir schenken ein kunstlos Lied,
Du, der Vaterlandsstädte
Ländlichschönste, so viel ich sah.

Wie der Vogel des Walds über die Gipfel fliegt,
Schwingt sich über den Strom, wo er vorbei dir glänzt,
Leicht und kräftig die Brücke,
Die von Wagen und Menschen tönt…

Und der Jüngling, der Strom, fort in die Ebne zog,
Traurigfroh, wie das Herz, wenn es, sich selbst zu schön,
Liebend unterzugehen,
In die Fluten der Zeit sich wirft…

Aber schwer in das Tal hing die gigantische,
Schicksalskundige Burg nieder bis auf den Grund,
Von den Wettern zerrissen;
Doch die ewige Sonne goss

Ihr verjüngendes Licht über das alternde
Riesenbild, und umher grünte lebendiger
Efeu; freundliche Wälder
Rauschten über die Burg herab.

Sträuche blühten herab, bis wo im heitern Tal,
An den Hügel gelehnt oder dem Ufer hold,
Deine fröhlichen Gassen
Unter duftenden Gärten ruhn

9.9.

„Das Angenehme dieser Welt hab ich genossen…“ und „Die Linien des Lebens sind verschieden…“ Nur wenige kurze Gedichte hat Hölderlin in der zweiten Lebenshälfte aus seinem Turm heraus veröffentlicht, wie diese beiden Vierzeiler.

8.9.

Hyperions Schicksalslied von Friedrich Hölderlin. Es erschien 1799 im Briefroman „Hyperion oder Der Eremit in Griechenland“.
Der schicksallosen Ruhe und seligen Heiterkeit der Götterwelt wird das Leiden des menschlichen Daseins gegenübergestellt.
Ihr wandelt droben im Licht
Auf weichem Boden, selige Genien!
Glänzende Götterlüfte
Rühren euch leicht,
Wie die Finger der Künstlerin
Heilige Saiten.

Schicksallos, wie der schlafende
Säugling, atmen die Himmlischen;
Keusch bewahrt
In bescheidener Knospe,
Blühet ewig
Ihnen der Geist,
Und die seligen Augen
Blicken in stiller
Ewiger Klarheit.

Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn,
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stunde zur andern,
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen,
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
Sprecher war Stéphane Hessel (2010, er also 93 Jahre alt; * 20. Oktober 1917 in Berlin; † 27. Februar 2013 in Paris), ein französischer Diplomat und Schriftsteller. Er überlebte das KZ Buchenwald. Am 9. August 2019 wurde der Platz vor dem neuen Bauhaus-Museum in Weimar als Stéphane-Hessel-Platz der Öffentlichkeit übergeben.
Das Gedicht unterscheidet das Götterreich von der grausamen Realität des Menschen in der Endstrophe.
Die Strophen stehen für einen momentanen, später überwundenen Zustand der Zerrissenheit, dem Tiefpunkt seines Leidens, an dem er Verlust und Vergänglichkeit im Übermaß erlebt.
Hölderlin lässt seinen Helden das Lied an einer besonderen Stelle singen. Nach dem Abschied von Alabanda, der mit dem Schiff in die Ferne zog und ihn am Ufer zurückließ, muss er bis zum Abend auf das Fahrzeug warten, das ihn nach Kalaurea bringen soll. So blickt er hinaus aufs Meer und singt das Lied zum Spiel der Laute. Kaum geendet, läuft ein Boot mit seinem Diener ein.
Der briefeschreibende Erzähler hat die Verzweiflung überwunden, indem er die Frage Bellarmins nach seinem Befinden mit den Worten beantwortet: „Bester! ich bin ruhig, denn ich will nichts Bessers haben, als die Götter. Muss nicht alles leiden? Und je trefflicher es ist, je tiefer! Leidet nicht die heilige Natur?“
Hyperion strebt eine neue Gemeinschaft an, die Einheit mit der göttlichen Natur. In der Einheit mit den „blühenden Bäumen“ hört er die „klaren Bäche wie Götterstimmen säuseln“ und spürt, wie diese Klänge ihn erlösen.

7.9.

Friedrich Hölderlin (* 20. März 1770 in Lauffen am Neckar; † 7. Juni 1843 in Tübingen) wurde vor 250 Jahren geboren. Deshalb „beim täglichen Ernst“ eine Hölderlinwoche. Zu den Schwänen: Im Glacispark Neu-Ulm hat ein Schwanenpaar sieben Junge großgezogen. Der Vater bewacht die Familie am Ufer.
Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

6.9.

Sommerbild von Friedrich Hebbel (1813 – 1863)
Nach dem gestrigen „Herbstbild“ von Hebbel ist auch sein „Sommerbild“ ein Herbstgedicht.

Ich sah des Sommers letzte Rose stehn,
Sie war, als ob sie bluten könne, rot;
Da sprach ich schauernd im Vorübergehn:
So weit im Leben ist zu nah am Tod!

Es regte sich kein Hauch am heißen Tag,
Nur leise strich ein weißer Schmetterling;
Doch ob auch kaum die Luft sein Flügelschlag
Bewegte, sie empfand es und verging.

Dazu Matthias Claudius: Es ist nur einer ewig und an allen Enden. Und wir in seinen Händen

5.9.

Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
O stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
Das Fallen der Früchte, das auch den Herbst des Lebens symbolisiert, ist bei Hebbel nicht von Trauer geprägt, sondern ist ein ruhiges, unaufhaltsames, aber auch heiteres Geschehen, eine „Feier der Natur“.

4.9.

Erich Kästner
Der September
Das ist ein Abschied mit Standarten
aus Pflaumenblau und Apfelgrün.
Goldlack und Astern flaggt der Garten,
und tausend Königskerzen glühn.
Das ist ein Abschied mit Posaunen,
mit Erntedank und Bauernball.
Kuhglockenläutend ziehn die braunen
und bunten Herden in den Stall.
Das ist ein Abschied mit Gerüchen
aus einer fast vergessenen Welt.
Mus und Gelee kocht in den Küchen.
Kartoffelfeuer qualmt im Feld.
Das ist ein Abschied mit Getümmel,
mit Huhn am Spieß und Bier im Krug.
Luftschaukeln möchten in den Himmel.
Doch sind sie wohl nicht fromm genug.
Die Stare gehen auf die Reise.
Altweibersommer weht im Wind.
Das ist ein Abschied laut und leise.
Die Karussells drehn sich im Kreise.
Und was vorüber schien, beginnt.

3.9.

Mein liebstes Herbstgedicht: Eduard Mörike (1804-1875)
Septembermorgen
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.

2.9.

„Befiehl du deine Wege…“ von Paul Gerhardt, Strophen 9-12 mit den Leitworten ER WIRD’S WOHL MACHEN (hier MACH END)
Er wird zwar eine Weile
mit seinem Trost verziehn
und tun an seinem Teile,
als hätt in seinem Sinn
er deiner sich begeben,
und sollt’st du für und für
in Angst und Nöten schweben,
als frag er nichts nach dir.

Wird’s aber sich befinden,
dass du ihm treu verbleibst,
so wird er dich entbinden,
da du’s am mindsten glaubst;
er wird dein Herze lösen
von der so schweren Last,
die du zu keinem Bösen
bisher getragen hast.

Wohl dir, du Kind der Treue,
du hast und trägst davon
mit Ruhm und Dankgeschreie
den Sieg und Ehrenkron;
Gott gibt dir selbst die Palmen
in deine rechte Hand,
und du singst Freudenpsalmen
dem, der dein Leid gewandt.

Mach End, o Herr, mach Ende
mit aller unsrer Not;
stärk unsre Füß und Hände
und lass bis in den Tod
uns allzeit deiner Pflege
und Treu empfohlen sein,
so gehen unsre Wege
gewiss zum Himmel ein.
Heute habe ich mich entschieden, das EspressoSeminar weiterhin ruhen zu lassen. Ich möchte abwarten, bis ein Impfstoff zur Verfügung steht und wir wieder in froher, großer Runde zusammenkommen Können
Mit guten Wünschen
Ihr/Euer Ernst Burmann

1.9.

„Befiehl du deine Wege…“ von Paul Gerhardt, Strophen 5-8 mit den Leitworten UND HOFF AUF IHN
Und ob gleich alle Teufel
hier wollten widerstehn,
so wird doch ohne Zweifel
Gott nicht zurücke gehn;
was er sich vorgenommen
und was er haben will,
das muss doch endlich kommen
zu seinem Zweck und Ziel.

Hoff, o du arme Seele,
hoff und sei unverzagt!
Gott wird dich aus der Höhle,
da dich der Kummer plagt,
mit großen Gnaden rücken;
erwarte nur die Zeit,
so wirst du schon erblicken
die Sonn der schönsten Freud.

Auf, auf, gib deinem Schmerze
und Sorgen gute Nacht,
lass fahren, was das Herze
betrübt und traurig macht;
bist du doch nicht Regente,
der alles führen soll,
Gott sitzt im Regimente
und führet alles wohl.

Ihn, ihn lass tun und walten,
er ist ein weiser Fürst
und wird sich so verhalten,
dass du dich wundern wirst,
wenn er, wie ihm gebühret,
mit wunderbarem Rat
das Werk hinausgeführet,
das dich bekümmert hat.