Videos vom Oktober 2020

31.10.

Martin Luders Studentenleben

Weil Martin klug und strebsam war,
begann mit siebzehn er sogar
– als seine Pfarrschulzeit war um –
sein vielseitiges Studium,
wozu nach Erfurt er gerät,
an deren Universität.
Fächer lernte er viel zugleich
und wurde so an Wissen reich.

Es stand bei ihm nach dem Examen
Magister auch vor seinem Namen.
Sein Herr Papa ihn dazu trieb,
dass Martin noch in Erfurt blieb,
denn ein Juristen-Studium
wäre gewiss gar nicht so dumm.
Martin ging gerne darauf ein,
er fand es toll, Student zu sein.

Nachdem dann Martin in dem Jahr
fünfzehnnullfünf zu Haus kurz war,
ging er nach Erfurt froh zurück.
Zu Fuß war‘s nur ein kurzes Stück.
Doch Wolken türmten sich zuhauf
und es zog ein Gewitter auf.
Als dann ein Blitz ‘nen Baum zerriss,
bekam der Martin mächtig Schiss.

Er gab gen Himmel einen Schwur:
Komme ich heil nach Erfurt nur,
will ich zum Danke hier auf Erden
ein Mönch in einem Kloster werden.
Luther kam heil in Erfurt an;
trat prompt auch ein ins Kloster dann.
Dort wurde er nach kurzer Zeit
bereits zum Priester schon geweiht.

30.10.

EPISODE 1 AUS LUTHERS LEBEN
Martin – Sohn der Eheleute Luder
Tatsächlich war der Familienname Luder, wahrscheinlich eine Variation des Namens Lothar („berühmter Krieger“). Martin hat sich mit 20 Luther genannt, vom griechischen „eleutheros“, das heißt der Freie.

Vierzehndreiundachtzig war
ein bedeutungsvolles Jahr
Klein Martin – eines Bauern Spross –
entschlüpfte aus der Mutter Schoß.
In Eisleben – ward festgestellt –
blinzelte er ins Licht der Welt
als zweiter Sohn – nebst ält‘rem Bruder –
von Hans und Margarethe Luder.
So hieß er folglich Luder auch!

Luther hieß er – ist zu erfahren –
dann erst mit neunundzwanzig Jahren.

Als danach grad‘ ein Jahr herum,
zog die Familie Luder um
nach Mansfeld, einem schönen Ort.
Zur Stadtschule ging Martin dort.
Dann wurde Magdeburg gebucht,
wo er die Domschule besucht.
Die Eltern schickten ihn danach
zur Pfarrschule in Eisenach.

Martin war lerneifrig und helle;
lernte Latein dort auf die Schnelle!
Sein Vater, der Karriere machte,
den Sohn auch finanziell bedachte.
Als Hüttenmeister, Ratsherr dann,
war Luder ein geehrter Mann.
So führte Martin neben Streben
zunächst ein sorgenfreies Leben.
© Arno Hildebrandt

29.10.

„Mein unabweisbarer Bräutigam“ von Anne Dorn

Sein Werben begann am Tag meiner Geburt.
Wie ihn beschreiben. Wie buchstabieren?
Sich ein Bild von ihm machen?
Er ist der Fremde, den ich nicht kenne.
Er spricht eine andere Sprache, ich die meine.
Ich teile mein Lager mit ihm,
er teilt es mit mir.
Er lockt mein Leben ans Licht,
damit sein Schatten leuchtet.
Ich bin, weil er ist.
In Treue sind wir ein Paar.

Gemeint ist der Tod als Bräutigam. Der Tod als Freund.

Jetzt formuliere ich das Gedicht um aus der Sicht des Mannes, der an dieser Stelle nicht monogam sein muss:

Meine unabweisbare Freundin. Der Tod als Freundin

Ihr Werben begann am Tag meiner Geburt.
Wie sie beschreiben. Wie buchstabieren?

Ich teile mein Lager mit ihr,
sie teilt es mit mir.
Sie lockt mein Leben ans Licht,
damit ihr Schatten leuchtet.
Ich bin, weil sie ist.
In Treue sind wir ein Paar.

Anne Dorn (* 26. November 1925 in Wachau; † 8. Februar 2017 in Köln) verfasste Romane, Erzählungen, Gedichte, Dramen, Hörspiele, Hörfunkfeatures, Essays und Berichte. Außerdem entwickelte sie sechs Autorenfilme für das Fernsehen.
Die erste Veröffentlichung erfolgte 1967. 1969 ging sie mit ihren Kindern nach Köln, wo sie als freie Schriftstellerin lebte und sich das Pseudonym „Anne Dorn“ zugelegt hat. Längere Aufenthalte hatte sie in New York, Avignon, Amsterdam und Rom;
Als das Historische Archiv der Stadt Köln am 3. März 2009 in sich zusammenstürzte, wurde fast der gesamte an das Archiv übergebenen Nachlass vernichtet.
Anne Dorn starb 2017 im Alter von 91 Jahren und wurde auf dem Kölner Zentralfriedhof Melaten beigesetzt.

28.10.

Das Wessobrunner Gebet gehört zu den frühesten poetischen Zeugnissen in althochdeutscher Sprache. Es ist das älteste erhaltene christliche Gedicht der deutschsprachigen Literatur.
Benannt ist es nach dem altbairischen Kloster Wessobrunn, dem langjährigen Aufbewahrungsort des einzigen Überlieferungsträgers, einer lateinischen Pergament-Sammelhandschrift aus dem 9. Jahrhundert. Das Exemplar befindet sich heute in der Bayerischen Staatsbibliothek in München.
Seine zwei Teile, 1. ein Schöpfungspreis und 2. die Anbetung, bilden zusammen ein Gebet um Weisheit und Kraft zur Vermeidung von Sünden.
Der Schöpfungspreis betont die uranfängliche Nichtexistenz von Allem (Erde und Himmel, Baum und Berg, Sonne, Mond und Meer) als Hintergrund abgibt für das Dasein Gottes vor allem Geschaffenen.
In der Forschung geht man davon aus, dass das Wessobrunner Gebet auf Anweisung eines angelsächsischen Missionars veranlasst wurde, um die heidnischen Sachsen auf die Taufe vorzubereiten.
Der Text war in der Musik Text einiger Kompositionen, darunter von Carl Orff und von der Mittelalter-Rockband In Extremo.
Originaltext:
„Dat gafregin ih mit firahim firiuuizzo meista
Dat ero ni uuas noh ufhimil
noh paum noh pereg ni uuas
ni […] “

Neuhochdeutsche Übertragung:

Das erfuhr ich unter den Menschen als Wunder größtes:
Dass die Erde noch nicht war, noch der Himmel über ihr,
noch Baum noch Berg,
nichts also: die Sonne nicht schien,
der Mond nicht leuchtete und das herrliche Meer nicht war.
Es gab keine Grenzen und Ufer.
Doch da war der eine allmächtige Gott, der Männer mildester,
und viele göttliche Geister mit ihm.
Heiliger Gott, Allmächtiger Gott, der Du Himmel und Erde erschaffen und den Menschen so viel Gutes geschenkt hast, gib mir in Deiner Gnade den rechten Glauben und guten Willen, Weisheit und Klugheit und Kraft, dem Satan zu trotzen und das Böse zu meiden, damit dein Wille geschehe.

Hier die Videos der zwei oder drei Tage vorher

27.10.

In der berühmten Ballade erzählt Heine die Erzählung aus dem 5. Kapitel beim Propheten Daniel nach. Belsazar.

Die Mitternacht zog näher schon;
In stummer Ruh lag Babylon.

Nur oben in des Königs Schloss,
Da flackert’s, da lärmt des Königs Tross.

Dort oben in dem Königssaal
Belsazar hielt sein Königsmahl.

Die Knechte sassen in schimmernden Reihn
Und leerten die Becher mit funkelndem Wein.

Es klirrten die Becher, es jauchzten die Knecht;
So klang es dem störrigen Könige recht.

Des Königs Wangen leuchten Glut;
Im Wein erwuchs ihm kecker Mut.

Und blindlings reisst der Mut ihn fort;
Und er lästert die Gottheit mit sündigem Wort.

Und er brüstet sich frech und lästert wild;
Die Knechtenschar ihm Beifall brüllt.

Der König rief mit stolzem Blick;
Der Diener eilt und kehrt zurück.

Er trug viel gülden Gerät auf dem Haupt;
Das war aus dem Tempel Jehovahs geraubt.

Und der König ergriff mit frevler Hand
Einen heiligen Becher, gefüllt bis am Rand.

Und er leert ihn hastig bis auf den Grund
Und ruft laut mit schäumendem Mund:

„Jehovah! dir künd ich auf ewig Hohn –
Ich bin der König von Babylon!“

Doch kaum das grause Wort verklang,
Dem König ward’s heimlich im Busen bang.

Das gellende Lachen verstummte zumal;
Es wurde leichenstill im Saal.

Und sieh! und sieh! an weisser Wand
Das kam’s hervor, wie Menschenhand;

Und schrieb, und schrieb an weisser Wand
Buchstaben von Feuer und schrieb und schwand.

Der König stieren Blicks da sass,
Mit schlotternden Knien und totenblass.

Die Knechtschar sass kalt durchgraut,
Und sass gar still, gab keinen Laut.

Die Magier kamen, doch keiner verstand
Zu deuten die Flammenschrift an der Wand.

Belsazar ward aber in selbiger Nacht
Von seinen Knechten umgebracht.

Heine hat oft gespottet über die Religion. Am Ende seines Lebens hat er sich dafür entschuldigt.

„Ja, ich bin zurückgekehrt zu Gott, wie der verlorene Sohn, nachdem ich lange Zeit bei den Hegelianern die Schweine gehütet. War es die Misère, die mich zurücktrieb? Vielleicht ein minder miserabler Grund. Das himmlische Heimweh überfiel mich und trieb mich fort durch Wälder und Schluchten, über die schwindlichsten Bergpfade der Dialektik. Um einen Willen zu haben, muß man eine Person sein, und, um ihn zu manifestiren, muß man die Ellbogen frei haben. Wenn man nun einen Gott begehrt, der zu helfen vermag – und das ist doch die Hauptsache – so muß man auch seine Persönlichkeit, seine Außerweltlichkeit und seine heiligen Attribute, die Allgüte, die Allweisheit, die Allgerechtigkeit u. s. w. annehmen. Die Unsterblichkeit der Seele, unsre Fortdauer nach dem Tode, wird uns alsdann gleichsam mit in den Kauf gegeben, wie der schöne Markknochen, den der Fleischer, wenn er mit seinen Kunden zufrieden ist, ihnen unentgeltlich in den Korb schiebt. […]“
– Nachwort zum Romanzero[
Auch in seinem Testament vom 13. November 1851 bekannte sich Heine zum Glauben an einen persönlichen Gott. Dort heißt es: „Seit vier Jahren habe ich allem philosophischen Stolze entsagt und bin zu religiösen Ideen und Gefühlen zurückgekehrt; ich sterbe im Glauben an einen einzigen Gott, den ewigen Schöpfer der Welt, dessen Erbarmen ich anflehe für meine unsterbliche Seele. Ich bedaure, in meinen Schriften zuweilen von heiligen Dingen ohne die ihnen schuldige Ehrfurcht gesprochen zu haben, aber ich wurde mehr durch den Geist meines Zeitalters als durch meine eigenen Neigungen fortgerissen. Wenn ich unwissentlich die guten Sitten und die Moral beleidigt habe, welche das wahre Wesen aller monotheistischen Glaubenslehren ist, so bitte ich Gott und die Menschen um Verzeihung.“
– aus Heines Testament

26.10.

Zwölf Jahre hat Heinrich Heine, der seit 1831 in Paris lebt, seine Mutter in Deutschland nicht gesehen. Nachdem er das folgende Gedicht 1843 geschrieben hat, besucht er sie in Hamburg und noch einmal im Jahr 1844.
Betty Heine wurde 87 Jahre alt und überlebte ihren Sohn Heinrich um dreieinhalb Jahre. Sie wurde auf dem Jüdischen Friedhof Ohlsdorf beigesetzt.

Nachtgedanken
Denk ich an Deutschland in der Nacht,
Dann bin ich um den Schlaf gebracht,
Ich kann nicht mehr die Augen schließen,
Und meine heißen Tränen fließen.
Die Jahre kommen und vergehn!
Seit ich die Mutter nicht gesehn,
Zwölf Jahre sind schon hingegangen;
Es wächst mein Sehnen und Verlangen.
Mein Sehnen und Verlangen wächst.
Die alte Frau hat mich behext,
Ich denke immer an die alte,
Die alte Frau, die Gott erhalte!
Die alte Frau hat mich so lieb,
Und in den Briefen, die sie schrieb,
Seh ich, wie ihre Hand gezittert,
Wie tief das Mutterherz erschüttert.
Die Mutter liegt mir stets im Sinn.
Zwölf lange Jahre flossen hin,
Zwölf lange Jahre sind verflossen,
Seit ich sie nicht ans Herz geschlossen.
Deutschland hat ewigen Bestand,
Es ist ein kerngesundes Land,
Mit seinen Eichen, seinen Linden,
Werd ich es immer wiederfinden.
Nach Deutschland lechzt ich nicht so sehr,
Wenn nicht die Mutter dorten wär;
Das Vaterland wird nie verderben,
Jedoch die alte Frau kann sterben.
Seit ich das Land verlassen hab,
So viele sanken dort ins Grab,
Die ich geliebt – wenn ich sie zähle,
So will verbluten meine Seele.
Und zählen muß ich – Mit der Zahl
Schwillt immer höher meine Qual,
Mir ist als wälzten sich die Leichen,
Auf meine Brust – Gottlob! sie weichen!
Gottlob! durch meine Fenster bricht
Französisch heitres Tageslicht;
Es kommt mein Weib, schön wie der Morgen,
Und lächelt fort die deutschen Sorgen.

25.10.


Vor allem durch die Vertonung von Friedrich Silcher (* 1789 in Schnait; † 1860 in Tübingen) wurde Heinrich Heines Loreley zu einem seiner bekanntesten Gedichte. Er fand die dem Text gemäße „gewaltige Melodei“. So ehren wir heute auch diesen wunderbaren Komponisten, der Musikdirektor an der Universität Tübingen war. Im Video seht ihr die Briefmarke, die ihm für diese Melodie gewidmet wurde.

Mit phantasievollen Lore-Ley-Motiven

Ich weiß nicht, was soll es bedeuten,
dass ich so traurig bin;
ein Märchen aus alten Zeiten,
das kommt mir nicht aus dem Sinn.

Die Luft ist kühl und es dunkelt,
und ruhig fließt der Rhein;
der Gipfel des Berges funkelt
im Abendsonnenschein.

Die schönste Jungfrau sitzet
dort oben wunderbar;
ihr goldnes Geschmeide blitzet,
sie kämmt ihr goldenes Haar.

Sie kämmt es mit goldenem Kamme
und singt ein Lied dabei;
das hat eine wundersame,
gewaltige Melodei.

Den Schiffer im kleinen Schiffe
ergreift es mit wildem Weh;
er schaut nicht die Felsenriffe,
er schaut nur hinauf in die Höh.

Ich glaube, die Wellen verschlingen
am Ende Schiffer und Kahn;
und das hat mit ihrem Singen
die Lore-Ley getan.

24.5.

Auf seinem Grabstein in Paris hat Heinrich Heine sein Gedicht „Wo?“
Wo wird einst des Wandermüden
Letzte Ruhestätte sein?
Unter Palmen in dem Süden?
Unter Linden an dem Rhein?

Werd ich wo in einer Wüste
Eingescharrt von fremder Hand?
Oder ruh ich an der Küste
Eines Meeres in dem Sand?

Immerhin! Mich wird umgeben
Gottes Himmel, dort wie hier.
Und als Totenlampen schweben
Nachts die Sterne über mir.

23.10.

Heinrich Heine
Der Asra
Mit Fotos vom Topkapi Sultanspalast in Istanbul (vom Februar 2008)

Täglich ging die wunderschöne
Sultanstochter auf und nieder
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern.

Täglich stand der junge Sklave
Um die Abendzeit am Springbrunn,
Wo die weißen Wasser plätschern;
Täglich ward er bleich und bleicher.

Eines Abends trat die Fürstin
Auf ihn zu mit raschen Worten:
Deinen Namen will ich wissen,
Deine Heimath, deine Sippschaft!

Und der Sklave sprach: ich heiße
Mohamet, ich bin aus Yemmen,
Und mein Stamm sind jene Asra,
Welche sterben wenn sie lieben.

22.10.

Heinrich Heine hat sich verliebt in seine Cousine Amalie. Vielleicht galt ihr dieses Gedicht:

Du bist wie eine Blume,
So hold und schön und rein;
Ich schau dich an, und Wehmut
Schleicht mir ins Herz hinein.
Mir ist, als ob ich die Hände
Aufs Haupt dir legen sollt,
Betend, dass Gott dich erhalte
So rein und schön und hold.
Er bezeichnet Amalie auch als das „hübschgeputzte Sonntagspüppchen, bey dessen Fabrikation der himmlische Kunstdrechsler sich selbst übertroffen“ hat

2020-10-21

Den aus Düsseldorf stammenden Freunden Ingrid und Arno Hildebrandt gewidmet
Mit etwa 17 verlässt Heinrich Heine Düsseldorf; mit 34 kehrt er Deutschland den Rücken und geht nach Frankreich. Doch die Liebe zu seiner Heimatstadt bleibt. Denn hier hat der junge Harry seine „Traumzeit“ verbracht, wie er seine Kindheitserinnerungen nennt.
„Die Stadt Düsseldorf ist sehr schön, und wenn man in der Ferne an sie denkt und zufällig dort geboren ist, wird einem wunderlich zumute. Ich bin dort geboren, und es ist mir, als müsste ich gleich nach Hause gehen.“

So zärtlich erinnert sich der 30-jährige Heine an seine Heimat. Düsseldorf hat er längst verlassen, „nach Hause“ wird er nie mehr gehen. – Heinrich Heine wächst in der Altstadt auf, in einem Hinterhaus der Bolkerstraße 53, unweit des Rheins. Viel Platz zum Spielen gibt es dort nicht. Aber Kinder sind anspruchslos und machen mit ihrer Fantasie aus wenig viel. Heine hat die Spielszenen auf dem Hinterhof später in seinem Buch der Lieder festgehalten:
„Mein Kind, wir waren Kinder,
Zwei Kinder, klein und froh;
Wir krochen in’s Hühnerhäuschen
Und steckten uns unter das Stroh.

Die Kisten auf unserem Hofe,
Die tapezirten wir aus,
Und wohnten drin beisammen
Und machten ein vornehmes Haus.“
Tod eines Freundes
Harry Heine, wie ihn sein Vater nennt, erlebt eine glückliche Kindheit. Aber keine ungetrübte. Die Nervenkrankheit, die ihn später quälen wird, macht sich schon bemerkbar. Heine ist überempfindlich gegen äußere Reize. Lärm zum Beispiel. Etwa das Gekreisch, wenn ihn Schulkameraden wegen seines Namens hänseln: Harry, das klinge doch so, als wenn der Straßenkehrer seinen Gaul rufe: „Haarüh“. Außerdem ist Heine Jude und Antisemitismus zu Beginn des 19. Jahrhundert weit verbreitet. Auch im Franziskanerkloster an der Citadellstraße/Ecke Schulstraße, wo Harry Heine von 1807 bis 1814 zur Schule geht. Ganz in der Nähe erlebt er das größte Drama seiner Kindheit. Vor seinen Augen ertrinkt ein Schulfreund. Heine hat diese Szene mit der für ihn typischen Ironie verewigt:

“ (…) lustig stieg er hinab auf das Brett, das über dem Bach lag riss das Kätzchen aus dem Wasser, fiel aber selbst hinein, und, als man ihn herauszog, war er nass und tot. Das Kätzchen hat noch lange Zeit gelebt.“

20.10.

Das Neanderthal Museum behandelt die Ur- und Frühgeschichte der Menschheit sowie die Neandertaler.
Im Museumsgebäude schraubt sich ein stufenloser „Rundweg“ vom Eingangsbereich zur obersten Etage. Die Ausstellungsgegenstände sind chronologisch nach Epochen der Menschwerdung oder nach Themengebieten angeordnet. Mit Hilfe von zahlreichen lebensgroßen Rekonstruktionen von Neandertalern und anderen Vormenschen wird versucht, ein anschauliches Bild vom Aussehen dieser frühen Verwandten des anatomisch modernen Menschen zu vermitteln. Ergänzt wird die Ausstellung durch eine Filmleinwand, ein Café und einen Museumsshop.
Zum Museum gehört ein archäologischer Garten beim Fundort der Knochen des Neandertalers von 1856. Der Garten besteht aus einer großen Wiese an der Düssel mit mehreren erklärenden und anregenden Kunstobjekten; beispielsweise ist der Fußweg durch das Gelände als Zeitstrahl gestaltet.
Der Neandertaler ist ein ausgestorbener Verwandter des modernen Menschen (Homo sapiens). Als gemeinsame Vorfahren haben wir den Homo erectus. Siedlungsgebiet waren große Teile Europas. Unsere Vorfahren haben sich auch gemischt mit dem Neandertaler. Die Neandertaler stellten Werkzeuge aus Stein und Holz her und ernährten sich teils von Jagdbeute, teils von Pflanzen. Auch beherrschten sie das Feuer.
Wir wissen nicht genau, warum die Neandertaler vor rund 40.000 Jahren ausstarben.
Das Video schließt mit einer Liedstrophe von Joachim Neander (1650-1680), nach dem Tal benannt ist

19.10.

Das Aquarell „Steinzeitfamilie ruht in der Höhle, draußen Alpenglühen“ habe ich vor 25 Jahren gemalt.
„Das Gesteins“ hieß eine Schlucht im Tal der Düssel, östlich von Düsseldorf, in der Joachim Neander (1650 – 1680), vor allem bekannt durch „Lobe den Herren, den mächtigen König“ oft spazieren ging, dichtete und sang. Der Kalkstein wurde abgebaut. Heute ists ein liebliches Tal, das etwa 1840 nach dem Dichter benannt wurde.
Beim Ausräumen von Höhlenlehm stießen im August 1856 Steinbrucharbeiter auf 16 Knochenfragmente. Sie wurden zunächst achtlos weggeworfen; als jedoch ein Teil eines Schädels aufgefunden wurde, zogen die Eigentümer des Steinbruchs den Lehrer und Naturforscher Johann Carl Fuhlrott aus Elberfeld zu Rate. Dieser interpretierte die Knochenreste als Teile eines Skeletts eines Urzeitmenschen. Insgesamt wurden die Schädelkalotte, beide Oberschenkelknochen, der rechte Oberarm mit Speiche, der linke Oberarm mit Elle, ein Fragment des rechten Schulterblattes, das rechte Schlüsselbein, die linke Beckenhälfte und fünf Rippen geborgen. Der Neandertaler war entdeckt. Morgen gehen wir dort ins Museum.
Das Quartett Contrafactum der freikirchlichen Gemeinde aus Mühlhausen/Thüringen singt:
1) Himmel, Erde, Luft und Meer
zeugen von des Schöpfers Ehr;
meine Seele singe du,
bring auch jetzt dein Lob herzu.
2) Seht das große Sonnenlicht,
wie es durch die Wolken bricht;
auch der Mond, der Sterne Pracht
jauchzen Gott bei stiller Nacht…
6) Ach mein Gott, wie wunderbar
stellst du dich der Seele dar.
Drücke stets in meinen Sinn,
was du bist und was ich bin.

18.10.

Wandrers Nachtlied ist der Titel zweier Gedichte Johann Wolfgang von Goethes, die zu seinen berühmtesten gehören: Der du von dem Himmel bist von 1776 und Über allen Gipfeln von 1780 (gestriges Video). Letzteres ließ Goethe erstmals 1815 in Band I seiner Werke drucken.
Goethes Handschrift von „Wandrers Nachtlied“ (Der du von dem Himmel bist) hat sich zwischen seinen Briefen an Charlotte von Stein erhalten. Sie trägt die Unterschrift „Am Hang des Ettersberg, d. 12. Feb. 76“.
Der du von dem Himmel bist,
Alles Leid und Schmerzen stillest,
Den, der doppelt elend ist,
Doppelt mit Erquickung füllest;
Ach, ich bin des Treibens müde!
Was soll all der Schmerz und Lust?
Süßer Friede,
Komm, ach komm in meine Brust!
Es kann davon ausgegangen werden, dass „Wanderers Nachtlied“ nicht von irgendeinem müden Wandersmann handelt, sondern Goethe hier auch und vor allem von sich selbst spricht. Im Briefchen an Charlotte von Stein vom 23. Februar 1776 heißt es: „Wie ruhig und leicht ich geschlafen habe, wie glücklich ich aufgestanden bin und die schöne Sonne gegrüst habe das erstemal seit vierzehn Tagen mit freyem Herzen, und wie voll Dancks gegen dich Engel des Himmels, dem ich das schuldig bin.“
Hans-Jörg Knobloch will Goethes „Briefgedicht“ an Frau von Stein sogar als „Versuch einer Verführung“ der Angebeteten verstehen. Erst die Bearbeitung für den Druck, mit der es Goethe, wie er Herder schrieb, darum ging, „die allzu individuellen und momentanen Stücke genießbar zu machen“, habe die Umdeutung in ein Gebet um Frieden ermöglicht.

17.10.

Im Gedenken an Paula Unseld
„Über allen Gipfeln“ schrieb Goethe wahrscheinlich am Abend des 6. September 1780 mit Bleistift an die Holzwand der Jagdaufseherhütte auf dem Kickelhahn bei Ilmenau. Dort, „auf dem Gickelhahn dem höchsten Berg des Reviers“ übernachtet zu haben, „um dem Wuste des Städgens, den Klagen, den Verlangen, der Unverbesserlichen Verworrenheit der Menschen auszuweichen“, berichtete Goethe Charlotte von Stein mit einem „d. 6. Sept. 80“ datierten Brief, und fuhr fort: „Wenn nur meine Gedancken zusammt von heut aufgeschrieben wären es sind gute Sachen drunter. Meine beste ich bin in die Hermannsteiner Höhle gestiegen, an den Plaz wo Sie mit mir waren und habe das S, das so frisch noch wie von gestern angezeichnet steht geküsst und wieder geküsst“. Die Verse, die er an die Bretterwand der Hütte schrieb, erwähnte er auch in seinen folgenden Briefen mit keinem Wort. Allerdings kann Karl Ludwig von Knebels Tagebucheintrag vom 7. Oktober 1780 auf Goethes Inschrift bezogen werden: „Morgens schön. Mond. Goethens Verse. Mit dem Herzog auf die Pürsch […] Die Nacht wieder auf dem Gickelhahn“. Knebel (1744 – 1834) war Goethes engster Freund.
Ueber allen Gipfeln
Ist Ruh‘,
In allen Wipfeln
Spürest Du
Kaum einen Hauch;
Die Vögelein schweigen im Walde.
Warte nur! Balde
Ruhest du auch.
Am 27. August 1831, ein halbes Jahr vor seinem Tod, besuchte Goethe während seiner letzten Reise nach Ilmenau den Kickelhahn ein letztes Mal. Mit Berginspektor Johann Christian Mahr, dem er sagte, er habe die Gegend seit dreißig Jahren nicht mehr besucht, stieg er in das obere Stockwerk der Jagdhütte; er habe dort in früherer Zeit mit seinem Bedienten einmal acht Tage gewohnt und einen kleinen Vers an die Wand geschrieben, den er gern noch einmal sehen wolle. Mahr berichtet, wie er Goethe zu der Bleistiftschrift mit der Datierung „D. 7. September 1780 Goethe“ geführt habe, und fährt fort:
„Goethe überlas diese wenigen Verse, und Thränen flossen über seine Wangen. Ganz langsam zog er sein schneeweißes Taschentuch aus seinem dunkelbraunen Tuchrock, trocknete sich die Thränen und sprach in sanftem, wehmüthigem Ton: »Ja: warte nur, balde ruhest du auch!« schwieg eine halbe Minute, sah nochmals durch das Fenster in den düstern Fichtenwald und wendete sich darauf zu mir mit den Worten: »Nun wollen wir wieder gehen!«“
Das Gedicht wurde auch als Text zum Musikstück „They’ll Remember You“ im Soundtrack zum Film Operation Walküre – Das Stauffenberg-Attentat, komponiert von John Ottmann und Lior Rosner, verwendet.

16.10.

Rezept zur täglichen Zufriedenheit von Goethes Mutter, Catharina Elisabeth (1731-1808), geb. Textor
mit Fotos aus dem Goethehaus in Frankfurt am Main

Was für eine Frau! Warmherzig und geistreich war sie, witzig und selbstbewusst. Sie kannte keinen Neid und war nicht nachtragend, aber gesegnet mit der Fähigkeit, dem Leben das Beste abzugewinnen.

Noch auf dem Totenbett kümmerte sich „Frau Aja“, wie sie genannt wurde, um den eigenen Leichenschmaus. Selbst das Dienstmädchen, das der 77-Jährigen am 13. September 1808, dem Tag, an dem sie sterben sollte, eine Einladung überbrachte, musste nicht ohne Antwort gehen: „Richten Sie nur aus, die Rätin kann nicht kommen, sie muss alleweil sterben!“.

Des Mütterchens Frohnatur zum Vorbild

Wie damals üblich, hat sie 17-jährig geheiratet. Der 21 Jahre ältere „wirkliche kaiserliche Rath“ Johann Caspar Goethe war hochgebildet, aber äußerst eigenwillig. Seine Energie steckte er vor allem in die Erziehung seiner Kinder. Aber nur der erste Sohn, Johann Wolfgang Goethe, geboren 1749, und seine ein Jahr später geborene Schwester Cornelia erreichten das Erwachsenenalter. Keines der weiteren vier Kinder wurde groß.

Goethe liebte seine Mutter:
„Vom Vater hab ich die Statur, des Lebens ernstes Führen,
vom Mütterchen die Frohnatur und Lust zu fabulieren.“

Wie intensiv sie Freundschaften und Kontakte pflegte, zeigen die über 400 Briefe, die erhalten blieben. Sie schrieb 1785 an Charlotte von Stein: „Zwar habe ich die Gnade von Gott, dass noch keine Menschenseele missvergnügt von mir weggegangen ist – weß Standes, alters und Geschlecht sie auch gewesen ist – Ich habe die Menschen sehr lieb.“ Ein Brief enthält ein „Rezept fürs Neue Jahr“, das auch als Glücksrezept gelten kann:

Man nehme zwölf Monate | putze sie ganz sauber von Bitterkeit, Geiz, Pedanterie und Angst | und zerlege jeden Monat in dreißig oder einunddreißig Teile | so dass der Vorrat genau für ein Jahr reicht.

Es wird jeder Tag einzeln angerichtet | aus einem Teil Arbeit, aus zwei Teilen Frohsinn und Humor | Man füge drei gehäufte Esslöffel Optimismus hinzu | einen Teelöffel Toleranz, ein Körnchen Ironie und eine Prise Takt.

Dann wird die Masse mit reichlich Liebe übergossen | Das fertige Gericht schmücke man dann mit Sträußchen kleiner Aufmerksamkeiten | und serviere es täglich mit Heiterkeit.

15.10

Ernst Rietschel (1804 – 1861) war ein bedeutender Bildhauer, Begründer der Dresdener Bildhauerschule. Er strebte danach, Idealität mit treuester Naturwahrheit zu vereinigen.
Den Tag begann er immer mit Gellerts Morgenlied „Mein erst Gefühl sei Preis und Dank“ (siehe gestriges Video). Deshalb hier am Ende noch einmal zwei Strophen gesungen:
2. Mich selbst zu schützen, ohne Macht,
lag ich und schlief in Frieden.
Wer schafft die Sicherheit der Nacht
und Ruhe für die Müden?

3. Du bist es, Herr und Gott der Welt,
und dein ist unser Leben;
du bist es, der es uns erhält,
und mir’s jetzt neu gegeben.

Von Reisen abgesehen lebte und arbeitete er in Dresden. In Zusammenarbeit mit bedeutenden Architekten wie Gottfried Semper schuf er viele Bauplastiken. Er fand auf dem Trinitatisfriedhof in Dresden seine letzte Ruhe. Auf der Brühlschen Terrasse wurde ihm 1876 von Johannes Schilling ein Denkmal errichtet.
Einige Hauptwerke Rietschels
• 1841: Goethe und Schiller sitzend am Eingang der Semperoper Dresden
• 1857: kolossale Doppelstatue Goethes und Schillers am Nationaltheater in Weimar
• 1868: Einweihung des größten Denkmals für Martin Luther in Worms, die Lutherfigur wurde häufig nachgegossen, darunter 1885 an der Frauenkirche in Dresden

14.10

Ein Morgenlied von Gellert
1. Mein erst Gefühl sei Preis und Dank;
erheb ihn, meine Seele!
Der Herr hört deinen Lobgesang;
lobsing ihm, meine Seele!…

5. Lass deinen Segen auf mir ruhn,
mich deine Wege wallen
und lehre du mich selber tun
nach deinem Wohlgefallen.

6. Nimm meines Lebens gnädig wahr;
auf dich hofft meine Seele;
sei mir ein Retter in Gefahr,
ein Vater, wenn ich fehle.

7. Gib mir ein Herz voll Zuversicht,
erfüllt mit Lieb und Ruhe,
ein weises Herz, das seine Pflicht
erkenn und willig tue…
9. dass ich, dem Nächsten beizustehn,
nie Fleiß und Arbeit scheue,
mich gern an andrer Wohlergehn
und ihrer Tugend freue;

10. dass ich das Glück der Lebenszeit
in deiner Furcht genieße
und meinen Lauf mit Freudigkeit,
wenn du es willst, beschließe.

Christian Fürchtegott Gellert (1715-1769)

13.10.

König Wilhelm I von Württemberg (1781 – 1864)
Mit Fotos vom König-Wilhelm-Turm in Ulm
Erfolgreicher Reformer und Politiker
Wilhelm I. von Württemberg, eine Würdigung aus dem Jahr 1905
Wilhelm I. (1781–1864) übernahm 1816 die Herrschaft in Württemberg, als das Land von Missernten und Hungersnot heimgesucht wurde. Als König leitete er gemeinsam mit seiner Ehefrau Katharina umfassende Reformen ein, die die wirtschaftliche Situation Württembergs verbesserten.
Die Regierung Wilhelm’s ist ausgezeichnet durch Pflege des Volkswohlstands; er hat sich den Namen eines Königs der Landwirthschaft erworben. Er gründete die Landwirtschaftliche Unterrichts-, Versuchs- und Musteranstalt (heute Universität Hohenheim).
Aber unverkennbar ist eine gewisse Schwerfälligkeit und Bedächtigkeit gegenüber neuen Aufgaben. Sein anfänglicher Eifer erlahmte durch die entgegenstehenden Hindernisse; namentlich die Weiterbildung der Verfassung, die seinen innersten Wünschen entsprach, verhinderte er selbst durch sprunghaftes Vorgehen und scheues Stutzen. Als deutscher Fürst hat er sich insoweit gefühlt, als er für Hebung des Heerwesens zum Schutz der Grenzen eintrat. Aber wie er gewissermaßen eine internationale Rolle spielte, bis ihm die Großmächte Zügel anlegten, so hat er auch innerhalb des Bundes eifersüchtig über seiner Selbständigkeit gewacht. Er wollte ein einiges Deutschland, aber er wollte an dessen Leitung vollberechtigt theilnehmen, und je nachdem er dieses Ziel zu erreichen hoffte, suchte er seine Stütze bald bei Oesterreich bald bei Preußen.
Rührendes Zeichen der Liebe zu seiner zweiten Frau Katharina aus dem russ. Zarenhaus ist die Grabkapelle auf dem Württemberg (Stuttgart-Rotenbaum).
Es war König Wilhelm, dem wir heute die Mammutbäume im Südwesten Deutschlands verdanken. Er ließ im Jahr 1864 von seinen Gärtnern in der Wilhelma Mammutbäume aussäen. Über 5000 kräftige Pflanzen konnten die Gärtner bis zum darauf folgenden Jahr heranziehen. Diese Menge war natürlich für das kleine Gelände der Wilhelma zu groß, weswegen die Bäume an die Forstdirektionen im Land verteilt wurden, z.B. in der Friedrichsau Ulm.

12.10

Bundesfestung Ulm und Wilhelmsburg

„Wer nicht von dreitausend Jahren weiß, sich Rechenschaft zu geben, bleibt im Dunkeln, unerfahren, mag von Tag zu Tage leben“, sagt Goethe. Dem stimme ich zu und bringe gelegentlich auch geschichtliche Beiträge. Vor 3000 Jahren lebte übrigens König David. So gehörten für Goethe zu den Geschichtsdaten auch die Biblischen Geschichten. Für mich natürlich auch.
Heute die Bundesfestung Ulm:
Die Bundesfestung Ulm in Ulm war – neben Landau, Luxemburg, Mainz und Rastatt – eine von fünf Bundesfestungen und Europas größte Festungsanlage. Diese Festungen wurden durch den Deutschen Bund finanziert (daher auch der Name) und, neben zahlreichen Landesfestungen, im 19. Jahrhundert aus- oder neu gebaut und im Jahre 1859 fertiggestellt. Mit einer Hauptumwallung von 9 km (heute der gut ausgeschilderte Festungsweg) hatte Ulm die größte Befestigung des 19. Jahrhunderts.
Nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 in der Schlacht von Waterloo war man sich einig, dass eine Sicherung der Länder auch nach innen zu erfolgen habe. Die Bundesfestungen waren eines der wenigen Projekte des Deutschen Bundes, die verwirklicht wurden. Die Bundesfestung Ulm wurde im Zeitraum von 1842 bis 1859 vom preußischen Festungsbaudirektor und damaligen Oberst Moritz Karl Ernst von Prittwitz und Gaffron entworfen und unter seiner Leitung erbaut. Bei ihrer Errichtung waren bis zu 10.000 Arbeiter tätig. Die Leitung auf bayerischer Seite hatte ab Dezember 1843 der Major Theodor Ritter von Hildebrandt inne, nachdem der ursprüngliche Festungsbaudirektor Friedrich Herdegen gestorben war.
In Friedenszeiten sollte die Festung 5.000 Soldaten des Bundesheeres beherbergen, für den Eintritt des Ernstfalles rechnete man dagegen mit bis zu 20.000 Soldaten. Weiterführende Planungen sahen sogar 100.000 Soldaten vor.
Die Festung stellt sich als geschlossener Mauerzug um beide Städte Ulm und Neu-Ulm dar, der in einiger Entfernung eine Reihe Forts vorgelagert sind. Aus der topografischen Lage heraus wurden mit den Forts in Ulm markante Höhen über der Stadt gesichert, während dies in Neu-Ulm, mangels Bergen um die Stadt, unterblieb. Die erste Steinbrücke über die Donau lag zwischen beiden Städten innerhalb der Festung, die nächste befand sich erst in Regensburg.
Da die Bundesfestung Ulm im Gegensatz zur Festung Rastatt nicht unter die Bedingungen des Vertrags von Versailles fiel, musste sie nach dem Ende des Ersten Weltkrieges nicht geschleift werden. Dennoch sind viele Anlagen der Festung nach den Zerstörungen des Zweiten Weltkrieges und in den Jahren danach unwiderruflich verschwunden.
Wilhelmsburg

Die 200×130 Meter große Wilhelmsburg, die unter dem württembergischen Major von Erhardt in den Jahren 1842 bis 1849 erbaut wurde, dient der aus mehreren Werken bestehenden Wilhelmsfeste als Reduit und ist das stärkste Element der Hauptumwallung. Die Zitadelle konnte 6.951 Mann aufnehmen. Der Innenhof hat eine Fläche von 1,3 ha. Die Wilhelmsburg besteht aus vier Flanken, einem Kehlturm mit eigenem Innenhof und zwei 30 Meter hohen Flankentürmen an der Frontseite. Sie reicht zudem von der Grabensohle etwa 20 Meter, im Bereich der Gegenminenstollen 25 Meter tief ins Erdreich. Außerdem lief ein trockener Graben rund um die Burg, dessen Nordseite beim Umbau der Wilhelmsfeste zur Bundeswehrkaserne in den 1950ern zugeschüttet wurde. In der Wilhelmsburg befinden sich rund 570 Räume, sie besteht aus 300.000 t Kalkstein aus dem Blautal. Die Wilhelmsburg wurde als Defensivkaserne angelegt, das heißt, dass die Wohnräume der Soldaten auf der Seite zum Innenhof und die Geschützkasematten an den Außenseiten liegen.
Die Wilhelmsburg wurde vor allem militärisch genutzt. 1928 wurde die undichte Erdbedeckung durch ein Ziegeldach ersetzt.
Im August 1944 wurde das von der sowjetischen Operation Bagration bedrohte Elektronenröhren-Werk von Telefunken aus Łódź (damals Litzmannstadt) in die Wilhelmsburg verlegt. Für die Unterbringung der dort tätigen Zwangs- oder „Ostarbeiter“ wurden im Innenhof Baracken errichtet.
Durch mehrere Bombentreffer brannte der Dachstuhl großflächig aus, der Rest wurde von den Amerikanern nach Kriegsende für den Wiederaufbau der Stadt beschlagnahmt. Die Burg diente nun als Notunterkunft für ausgebombte Bürger und Heimatlose. Im Lauf der Jahre entstand so ein Flüchtlingslager mit bis zu 3.000 Bewohnern und eigener Infrastruktur. 1956 wurde es aufgelöst, die letzten verbliebenen Bewohner wurden in die Gaisenbergkaserne umgesiedelt. Von 1956 bis in die 1970er wurde die Burg dann von der Bundeswehr genutzt, bis die auf Grund des fehlenden Daches eingedrungene Feuchtigkeit so groß wurde, dass die Räume unbewohnbar wurden. 1986–89 wurde ein Blechdach aufgesetzt. 1986 kaufte die Stadt Ulm die Burg von der Bundesrepublik zum symbolischen Preis von einer Mark. Seither steht sie weitgehend leer, nur ein Solarunternehmen nutzt einen Teil sowie das Blechdach der Frontseite für Sonnenkollektoren, außerdem befinden sich Räume des Förderkreises Bundesfestung Ulm im Kehlturm. Der Innenhof wird zu offiziellen Anlässen der Bundeswehr und vom Theater Ulm für Freilichtaufführungen genutzt.

11.10. Tut mir auf die schöne Pforte


Eine Coproduktion von zwei bedeutenden Gesangbuchliederdichtern, Text vom Schlesier Benjamin Schmolck 1734, die Melodie stammt von Joachim Neander, Düsseldorf, 1680. In jenem Jahr starb er mit 30 Jahren. Die beiden sind sich nie begegnet im Leben, doch ihr gemeinsames Werk ist einzigartig! Ich singe es gerne selber, heute hört ihr Strophen auf englisch und deutsch.
1) Tut mir auf die schöne Pforte,
führt in Gottes Haus mich ein;
ach wie wird an diesem Orte
meine Seele fröhlich sein!
Hier ist Gottes Angesicht,
hier ist lauter Trost und Licht.
2) Ich bin, Herr, zu dir gekommen,
komme du nun auch zu mir.
Wo du Wohnung hast genommen,
da ist lauter Himmel hier.
Zieh in meinem Herzen ein,
lass es deinen Tempel sein…
4) Mache mich zum guten Lande,
wenn dein Samkorn auf mich fällt.
Gib mir Licht in dem Verstande
und, was mir wird vorgestellt,
präge du im Herzen ein,
lass es mir zur Frucht gedeihn.

10.10.

Auf dem Ulmer Hauptfriedhof finde ich einen Grabstein ohne Namen, aber mit Engel, Lebensbaum und diesem Spruch: „Fällt ab dein Blatt von diesem Baum und ist zu Ende dein Lebenstraum, dann sei gewiss, dass jedes Ende auch ein neuer Anfang ist. H.W.“ Dazu spreche ich Rilkes Gedicht

Herbst
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.

Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.

Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.

Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
(Rainer Maria Rilke, 1875-1926)

9.10.

Mit Fotos aus Neu-Ulm, zum Teil noch von der Landesgartenschau 2008

Farben für den Winter

Ich sammle Farben für den Winter
und male sie auf ein Blatt Papier.
Und wird die Welt eines Tages grau und leer,
dann schenk ich meine Farben her…

Ich bin ein Kind, ich bin ein Sammler,
ich such das Schöne dieser Welt.
Und wenn noch mehr Kinder mit mir sammeln gehn,
dann bleibt unsre Welt bestehn.

Ich sammle Farben für den Winter
und male sie auf ein Blatt Papier.
Und wird die Welt eines Tages grau und leer,
dann schenk ich meine Farben her.

Role Kalkbrenner

8.10

„Stirb und werde!“ nannte er’s.

Wer ist „er“ in Kästners Oktobergedicht (gestriges Video)? Heute die Auflösung: Goethe im „West-östlichen Diwan“

Selige Sehnsucht

Sagt es niemand, nur den Weisen,
Weil die Menge gleich verhöhnet,
Das Lebend’ge will ich preisen,
Das nach Flammentod sich sehnet.

In der Liebesnächte Kühlung,
Die dich zeugte, wo du zeugtest,
Überfällt dich fremde Fühlung,
Wenn die stille Kerze leuchtet…

Keine Ferne macht dich schwierig,
Kommst geflogen und gebannt,
Und zuletzt, des Lichts begierig,
Bist du Schmetterling verbrannt.

Und so lang du das nicht hast,
Dieses: Stirb und werde!
Bist du nur ein trüber Gast
Auf der dunklen Erde.

7.10.

Der Oktober von Erich Kästner

Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Was vorüber schien, beginnt.
Chrysanthemen blühn und frieren.
Fröstelnd geht die Zeit spazieren.
Und du folgst ihr wie ein Kind…

Geh nicht wie mit fremden Füßen
und als hättst du dich verirrt.
Willst du nicht die Rosen grüßen?
Lass den Herbst nicht dafür büßen,
dass es Winter werden wird.

Auf den Wegen, in den Wiesen
leuchten, wie auf grünen Fliesen,
Bäume bunt und blumenschön.
Sind’s Buketts für sanfte Riesen?
Geh nur weiter, bleib nicht stehn.

Blätter tanzen sterbensheiter
ihre letzten Menuetts.
Folge folgsam dem Begleiter.
Bleib nicht stehen. Geh nur weiter,
denn das Jahr ist dein Gesetz.

Nebel zaubern in der Lichtung
eine Welt des Ungefährs.
Raum wird Traum. Und Rausch wird Dichtung.
Folg der Zeit. Sie weiß die Richtung.
„Stirb und werde!“ nannte er’s.

Wer ist „er“ in der letzten Zeile? Morgen die Auflösung.

6. Oktober

Der Mars
Im Oktober kommen sich Mars und Erde sehr nahe. Bei der Marsopposition am 14. Oktober werden Sonne, Erde und Mars in einer geraden Linie stehen, aber schon am 6.10. sind die beiden sich am nächsten. Die Erde überholt ihren äußeren Nachbarplaneten auf der Innenbahn in einer Entfernung von 62 Millionen Kilometer. Wie schon in den letzten Monaten wird den ganzen Oktober über und bis Weihnachten der Mars rot und hell leuchten, ähnlich wie im Sommer 2018. Erinnert ihr euch an den damaligen Blutmond am 27.7.2018?
Er ist im Sternbild Fische die gesamte Nacht über zu sehen und übertrifft sogar den Riesenplaneten Jupiter an Helligkeit. Erst die noch hellere Venus macht nach ihrem Aufgang am Morgenhimmel Mars Konkurrenz.

5.10.

„Wechselnde Pfade, Schatten und Licht – alles ist Gnade, fürchte dich nicht!“ Der Text ist ein baltischer Hausspruch. Unterlegt vom „Halleluja“ einer Straßenmusikantin zeige ich euch Impressionen von einem frühherbstlichen Spaziergang durch den Neu-Ulmer Glacispark, abends um 18 Uhr.

4.10.

Wir pflügen und wir streuen (ursprünglich Das Bauernlied) ist ein Kirchenlied von Matthias Claudius und wird besonders zum Erntedankfest gesungen.
Der Text erschien 1783 als Artikel von Claudius im Wandsbecker Bothen. Er beschreibt ein Erntedankfest auf dem Lande. In ihm stellt er den etwas arroganten adeligen Herrschaften den menschlichen Adel der Landarbeiter gegenüber. Als Höhepunkt des Festes fragt der Sprecher der Bauern den Herrn, ob sie ihr Bauernlied singen dürften. Sie dürfen. Es ist als Wechselgesang gestaltet zwischen dem Vorsänger und dem Chor „alle Bauern“. Am Ende stoßen alle auf den Grundherrn an.
Der ursprüngliche Beginn bezieht sich auf 1. Mose 1, die Schöpfungsgeschichte:
Der Vorsänger
„Im Anfang war’s auf Erden
Nur finster, wüst, und leer;
Und sollt was sein und werden,
Musst es woanders her.“
Coro. Alle Bauern
„Alle gute Gabe
Kam oben her, von Gott,
Vom schönen blauen Himmel herab!“
Die heute gebräuchliche Melodie wird als ein Werk von Johann Abraham Peter Schulz angesehen
Die Bilder im Video sind von Vincent van Gogh.
Jetzt der Text, wie ihr ihn vom Jugendbachchor Kronstadt gesungen bzw. von mir gesprochen hört:
Wir pflügen, und wir streuen den Samen auf das Land,
doch Wachstum und Gedeihen steht in des Himmels Hand:
der tut mit leisem Wehen sich mild und heimlich auf
und träuft, wenn heim wir gehen, Wuchs und Gedeihen drauf.
Refrain: Alle gute Gabe kommt her von Gott dem Herrn,
drum dankt ihm dankt, drum dankt ihm dankt
und hofft auf ihn.

Er sendet Tau und Regen und Sonn und Mondenschein
und wickelt seinen Segen gar zart und künstlich ein
und bringt ihn dann behende in unser Feld und Brot
es geht durch unsre Hände, kommt aber her von Gott.
Refrain

Was nah ist und was ferne, von Gott kommt alles her,
der Strohhalm und die Sterne, das Sandkorn und das Meer.
Von ihm sind Büsch und Blätter und Korn und Obst von ihm
das schöne Frühlingswetter und Schnee und Ungestüm.
Refrain

Er lässt die Sonn aufgehen, er stellt des Mondes Lauf;
er lässt die Winde wehen und tut die Wolken auf.
Er schenkt uns soviel Freude, er macht uns frisch und rot;
er gibt den Kühen Weide und seinen Kindern Brot.
Refrain

3.10.

Zum Nationalfeiertag die Nationalhymne mit der Nationalmannschaft am 13. Juli 2014, als wir Weltmeister wurden.

Biblische Textgrundlage ist Jesus Sirach 50, 24-26 (gehört zu den Apokryphen des Alten Testaments): Nun danket alle Gott, der große Dinge tut an allen Enden, der uns von Mutterleib an lebendig erhält und uns alles Gute tut. Er gebe uns ein fröhliches Herz und verleihe immerdar Frieden zu unsrer Zeit in Israel und dass seine Gnade stets bei uns bleibe und uns erlöse, solange wir leben.

2.10.

Im Alter von vierzig Jahren, mitten im Ersten Weltkrieg, hat Hermann Hesse zu malen begonnen. Es war ihm ein „Ausweg, um auch in bittersten Zeiten das Leben ertragen zu können“ und um Distanz von der Literatur zu gewinnen. „Ich habe mein Malstühlchen in der Hand“, schreibt er 1920, „das ist mein Zauberapparat und Faustmantel, mit dessen Hilfe ich schon tausendmal Magie getrieben und den Kampf mit der blöden Wirklichkeit gewonnen habe.“
Magie der Farben
Gottes Atem hin und wider,
Himmel oben, Himmel unten,
Licht singt tausendfache Lieder,
Gott wird Welt im farbig Bunten.
Weiß zu Schwarz und Warm zum Kühlen
Fühlt sich immer neu gezogen,
Ewig aus chaotischem Wühlen
Klärt sich neu der Regenbogen.
So durch unsre Seele wandelt
Tausendfalt in Qual und Wonne
Gottes Licht, erschafft und handelt,
Und wir preisen Ihn als Sonne.
(entstanden am 10. Oktober 1918)

1.10.

Gegenüber der Redaktion der Neu-Ulmer Zeitung und im Lärm der Stadt ein Gedicht mit Witz: Auch der vielgedruckte und vielgelesene Hermann Hesse hat Absagen erlebt für seine Gedichte. Er verarbeitet dies wiederum in einem Gedicht:

Brief von einer Redaktion
«Wir danken sehr für Ihr ergreifendes Gedicht,
Das uns so tiefen Eindruck hinterlassen hat,
Und wir bedauern herzlich, dass es nicht
So recht geeignet scheint für unser Blatt.»

So schreibt mir irgendeine Redaktion
Fast jeden Tag. Es drückt sich Blatt um Blatt.
Es riecht nach Herbst, und der verlorne Sohn
Sieht deutlich, dass er nirgends Heimat hat.

Für mich allein denn schreib ich ohne Ziel,
Der Lampe auf dem Nachttisch les ich’s vor.
Vielleicht leiht auch die Lampe mir kein Ohr.
Doch gibt sie hell, und schweigt. Das ist schon viel.